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Hummeln

Zeige mir deine Flügel und ich sage dir, wer du bist

Gartenhummel-Königin am Lungenkraut.

Wenn ein Entomologe mit einer ihm unbekannten Bienenart konfrontiert wird, schaut er sich meist zuerst deren Flügel an. Am Geäder der Vorderflügel lässt sich schnell die Gattung bestimmen oder wenigstens gut eingrenzen. Bei der Honigbiene kann man auf diesem Weg sogar einzelne Rassen unterscheiden. Slowenische Wissenschaftler haben kürzlich untersucht, ob sich auch Hummelarten eindeutig am Flügel bestimmen lassen.

Gartenhummel-Königin am Lungenkraut.

Gartenhummel-Königin (Bombus hortorum) am Lungenkraut (Pulmonaria officinalis).
Gut zu erkennen: Die Adern auf den Flügeln. Sie verleihen ihnen die notwendige Stabilität.

Die grundsätzliche Idee, die Flügel zur Bestimmung heranzuziehen, ist auch bei Hummeln nicht neu. Dunklere Flügel gelten schließlich als ein Erkennungsmerkmal der Kuckuckshummeln. Und schon in der Vergangenheit wurden einzelne Äderchen vermessen und unter den Arten verglichen. Zur sicheren Unterscheidung reichten die Ergebnisse allerdings nicht.

Slowenische Wissenschaftler haben die Flügel von 18 Hummelarten nun um ein vielfaches genauer untersucht. Dafür wurden knapp 500 toten Hummeln der rechte Vorderflügel entfernt, dieser auf Papier befestigt und anschließend eingescannt. Da sich die Struktur des Flügelgeäders bei Hummeln und Honigbienen nur in einem wesentlichen Punkt unterscheidet, konnte eine bereits vorhandene Software für Honigbienen zur Analyse verwendet werden. 37 Merkmale wurden untersucht, z.B. die Kontaktstellen einzelner Adern und deren Abstände zueinander. Einige dieser Merkmale erschienen als tatsächlich geeignet dafür, Hummelarten voneinander zu unterscheiden.

Die gewonnenen Erkenntnisse wurden anschließend einer Überprüfung unterzogen. Erstaunliche 97% der untersuchten Hummeln konnten anhand der Flügelmerkmale richtig bestimmt werden. Diese hohe Trefferquote wird man mit traditionellen morphologischen Schlüsseln kaum erreichen, gerade weil sich manche Arten extrem ähnlich sehen. Besonders bemerkenswert ist daher die Tatsache, dass sich mit dieser Methode sogar die slowenische Population der Dunklen Erdhummel von importierten Tieren – wohlgemerkt derselben Art(!) – aus Holland unterscheiden ließ.

Die Ergebnisse sind ohne Zweifel vielversprechend.

Trotzdem ist es unwahrscheinlich, dass sich das in dieser Form durchsetzen wird. Sammler werden kaum freiwillig ihre Präparate „opfern“, indem sie ihnen die Flügel entfernen. Es sollte allerdings problemlos möglich sein, auch Digitalbilder von der Software auswerten zu lassen. Schiebt man ein Stück Papier unter die Flügel und stellt die Kamera genau parallel darüber auf, dürfte man eine mindestens genauso gute und kontrastreiche Aufnahme erreichen, wie durch einen Scan. Auf diese Weise könnte man auch recht einfach an Stichproben aus aller Welt kommen.

Ein Kritikpunkt an der Studie ist sicher die Tatsache, dass die untersuchten Hummeln – mit Ausnahme der importierten terrestris – nur aus Slowenien stammen. Allerdings wäre es wohl angebracht, Material aus einem viel größeren Gebiet einzubeziehen – bestenfalls aus dem gesamten Verbreitungsgebiet jeder Art. Die Autoren haben schließlich an der Dunklen Erdhummel selbst bewiesen, dass einzelne Merkmale bei verschiedener Herkunft deutlich variieren.

Es wäre ebenfalls wünschenswert gewesen, wenn noch weitere Arten aus dem Erdhummel-Komplex miteinbezogen worden wären. Zwar konnten terrestris und lucorum erfreulich sicher getrennt werden, die besonders problematischen Erdhummeln magnus und cryptarum blieben leider außen vor. Diese zum jetzigen Zeitpunkt nur durch Barcoding eindeutig bestimmbare Gruppe, wäre der wahre Härtetest für diese Bestimmungsmethode. Und gerade bei solchen Problemfällen läge doch das wahrscheinlichste Anwendungsgebiet: Eine schnelle, kostengünstige, aber dennoch sichere Alternative zur DNA-Analyse.

Es sollte also unbedingt weiter an dieser Methode gearbeitet werden.

Quellen

  • Kozmus P, et al. (2011): Identification of Bombus species based on wing venation structure. Apidologie 42 (4) 472-480.
  • Amiet F (1996): Hymenoptera Apidae, 1. Teil. Allgemeiner Teil, Gattungsschlüssel, die Gattungen Apis, Bombus und Psithyrus. Insecta Helvetica 12.
  • Løken A (1973): Studies on Scandinavian Bumble Bees (Hymenoptera, Apidae). Norsk Entomologisk Tidsskrift, 20: 1-218.
  • Wolf S, Rohde M, Moritz RFA (2010): The reliability of morphological traits in the differentiation of Bombus terrestris and B. lucorum. Apidologie 41 (1) 45-53.
  • http://www.bienenschade.de/Honigbienen/Rasse/Cubitalindex.htm

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Autor: Martin | Datum: 8. März 2012 - 15:00 Uhr | Update: 28. Februar 2012 - 20:34 Uhr | Kategorie: Allgemein, Hummelarten | Schlüsselwörter: , , , , , , , , , , , , | Kommentare: 3

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3 Kommentare

  1. Cornel | | Link zum Kommentar

    Leider wird daraus wohl nie eine Möglichkeit, auch im Feld die Hummeln eindeutig zu bestimmen, es sei denn, man macht solche schönen Aufnahmen. Zur Illustration hier die Adern an einem Flügelpaar (vorne und hinten durch die „Zähne“ zusammengehalten)
    Bumble bee wings
    Hier ein Detail, allerdings an einem hinteren Flügel (im Text ging es ja um die Vorderflügel – aber weil’s so schön ist…):
    Bombus hypnorum hindwing hamuli

    Die Fotos wurden mir ausdrücklich von Yersinia für die Verwendung hier zur Verfügung gestellt. Vielen Dank nach London!

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