Hummelvolk: Hummelnester enthalten einen ganzen Staat

10) Competition point

Zu dieser Zeit läuft in manchen Hummelnestern eine kleine Revolution ab. So weiß man, dass es einen “competition point” gibt, bei dem die Stimmung im Staat kippt. Zwar hat die Königin, wie oben erwähnt, zu diesem Zeitpunkt im Spätsommer damit begonnen, Eier für Jungköniginnen und Drohnen zu legen, doch beginnen die Arbeiterinnen damit, die Königin zu beißen und zu treten.

Die Revolution, die man nun beobachten kann, geht so weit, dass die Arbeiterinnen eigene Eier legen und gleichzeitig versuchen, alle anderen Drohneneier anderer Arbeiterinnen oder der Königin aufzufressen. Da sie selbst niemals befruchtet wurden, entwickeln sich aus ihren Eiern immer Drohnen. Nach kurzer Zeit muss die alte Königin ihren Staat aufgeben. Aus dem Nest vertrieben stirbt sie vor dem Eingang des Nests liegend nach kurzer Zeit.

Durch entsprechende Analysen konnte man zeigen (Alaux et al., 2004), dass alle Drohnen, die vor dem Competition point entstehen, von der Königin abstammen. Danach kommt es auf die “Durchsetzungskraft” der Königin an, wie viele Drohnen von ihr und wie viele von den Arbeiterinnen sind. Überlebt die Königin, sind 95% der Drohnen von ihr, stirbt sie, produzieren die Arbeiterinnen viele Drohnen, so dass die Quote auf 75% sinkt (vgl. evolutionsbiologische Erklärung).

Inwiefern dieses Verhalten gesteuert wird ist unklar. So könnte es sein, dass die Königin alleine durch ihr Dasein die Arbeiterinnen davon abhält, Eier zu legen. Eine andere Erklärung ist, dass die Fruchtbarkeit der Königin einfach viel größer ist, sie also mehr Eier legt und insofern trotz der abtrünnigen Arbeiterinnen noch für 95% der Drohnen die Mutter ist. Außerdem ist unklar, ob die Arbeiterinnen bei der Abwehr der Königinneneier kooperieren. Zerstören sie “nur” die Eier der Königin oder auch die Eier der anderen Arbeiterinnen, also alle Eier, die nicht von ihnen selbst stammen? Dies würde ebenfalls dazu führen, dass die Königin die vorherrschende Mutter der Drohnen bleibt.

11) Begattung

Nun findet die Begattung statt. Drohnen und Jungköniginnen treffen sich und paaren sich auf dem Boden, auch wenn sich die Hummeln schon in der Luft eng aneinander klammern.


Norbert Schiller konnte in seinem Garten die obige Begattung filmen.

Hummel-Königinnen paaren sich dabei mehrmals mit Männchen. Dies scheint zu besseren Überlebenschancen der Nachkommen zu führen. Wie Forscher berichten, überleben Staaten, deren Königinnen sich zahlreich gepaart hatten, einen Parasitenbefall wesentlich besser, als Staaten von Königinnen, die weniger oft begattet waren.

Die Paarungshäufigkeit ist trotzdem nicht so groß, wie bei vergleichbaren anderen Insekten, z.B. den Honigbienen. Ursache ist ein “Keuscheitsgürtel”, den das Männchen zum Ende des Akts der Königin verpasst (Meier 2001).

Damit überhaupt Drohnen und Jungköniginnen zusammen treffen können, existieren unterschiedliche Strategien. So fliegen die Männchen – oft in großer Zahl, weshalb häufig erst jetzt die Menschen von der Existenz eines solchen Nests merken – in der Nähe von Nestern umher. Bei den Arten Bombus confusus und Bombus mendax besetzen die Männchen ein mehrere Quadratmeter großes Territorium und führen hier Schleifflüge durch.

Es gibt aber auch Hummelmännchen, die unter Umständen wochenlang bestimmte Flugbahnen abfliegen. Diese liegen in arttypischer Flughöhe, d.h. jede Hummelart belegt eine bestimmte Flughöhe. Diese Flugbahnen werden immer in derselben Richtung durchflogen und mit riechenden Sekreten markiert (Geruchsbahnen), so dass sich hier Jungköniginnen anderer Staaten (der gleichen Art) treffen und sich mit den Männchen paaren. Insbesondere “Rastplätze” werden (auch für den Menschen riechbar) geruchlich markiert. Der Geruch ist bei jeder Art anders. Die tägliche Flugleistung soll dabei (Jacobs, 1998) bis zu 60km betragen.

Manchmal werden bestimmte Punkte mit Duftstoffen markiert. So berichtete ein Hummelfreund von einem Obstbaum in seinem Garten, der gleich zahlreichen kopulierenden Wiesenhummeln ein “Bett” bot:

Auch Hummeln haben Sex – und hier ist nicht die Geschichte mit den Bienchen und den Blumen gemeint. Vielmehr wurde mir kürzlich obige Frage von einem Jugendlichen gestellt, der sein Fahrrad im Garten reparierte und im benachbarten Obstbaum ein ziemliches Gesumme vernahm.
Ursache waren Jungköniginnen der Wiesenhummeln. Die – je nach Variante – besonders farbenfrohe Hummelart erzeugte dieses Jahr bereits sehr früh (hier Ende Mai) Geschlechtstiere. Damit heben sich diese Tiere von den Arbeiterinnen ab. Letztere paaren sich nie. Sie ziehen aber die männlichen Drohnen und weiblichen Jungköniginnen auf. Beide können sich fortpflanzen. Bei den meisten Arten tauchen Jungköniginnen und Drohnen aber erst wesentlich später im Jahr auf.
Die Drohnen setzen zur Paarung besondere Duftmarken an bestimmten Punkten in der Umgebung ab: in unserem Fall war das der Obstbaum. Dort treffen die Jungköniginnen der Nachbarschaft ein und es kommt zur Paarung, die im Liegen und nicht im Fliegen (vgl. Honigbienen) vollzogen wird.

Also: Ist jetzt Paarungszeit? Ja, wenn man es wirklich nur auf die lokalen Verhältnisse und die Wiesenhummeln bezieht und sich nicht einen Zeitabschnitt vorstellt, während dem sich alle Hummeln paaren. Hier ist wirklich keine “Brunftzeit” gemeint, vielmehr ist es von Art zu Art unterschiedlich und von der Witterung abhängig, wann ein Staat Drohnen und Jungköniginnen erzeugt.

12) Tod des Hummelstaats

Je nach Hummelart stirbt der komplette Staat mit der Königin und allen Arbeiterinnen im Juli (Wiesenhummel) oder im Herbst (Ackerhummel). Die begattete Jungkönigin sucht sich ein Überwinterungsquartier. Hier sind die Jungköniginnen sehr anspruchsvoll. Mögliche Quartiere unterscheiden sich unter den Arten und sind beispielsweise Komposthaufen, Böschungen, Waldhänge o. ä. Die Königin überwintert also nicht im alten Nest, sondern gräbt sich in den Boden ein. Die Bodentiefe variiert je nach Art und liegt zwischen 5 und 10cm, manchmal auch 20cm (Ausführlich: Wie überwintern Hummeln?).

Im Zustand der Starre wird der Winter überdauert, im Frühjahr erscheint die Hummel wieder und gründet ein neues Nest. Manche Arten gründen bevorzugt an der alten Stelle vom letzten Jahr einen neuen Staat, auch wenn Jacobs (1998) genau die gegenteilige Beobachtung macht: “…alte Hummelnester werden i. d. R. nicht wieder benutzt”.

13) Google scholar

Die Suche nach den im Artikel genannten Autoren geht mit der Google Scholar Suche.

14) Literatur

  • Alaux C, Savarit F, Jaisson P, Hefetz A, 2004. Does the queen win it all? Queen-worker conflict over male production in the bumblebee, Bombus terrestris. Naturwissenschaften, 2004, 91, 400 – 403.
  • Baal T, Denke B, Mühlen W, Surholt B, 1994. Die Ursachen des Massensterbens von Hummeln unter spätblühenden Linden. In: Natur und Landschaft, 69/9, S. 412 – 418.
  • van Bebber C, 2002. Newsletter der Aktion Hummelschutz 05/02. http://aktion-hummelschutz.de/news/nl_5_02.html.
  • van Bebber C, 2005. Hummelforum – Hilfe bei Forschung. http://aktion-hummelschutz.de/forum/thread.php?threadid=136&boardid=2
  • Hamburger Abendblatt, 2003. “Besoffene” Hummeln. http://www.abendblatt.de/daten/2003/07/08/184156.html. 08.07.2003.
  • Heinrich B, 1979. Der Hummelstaat.
  • Jacobs W, 1998. Biologie und Ökologie der Insekten.
  • Leadbeater E, Chittka L, 2005. A new mode of information transfer in foraging bumblebees? Current Biology 15, R447 – R448.
  • Meier C, 2001. Gebremste Paarungslust. http://www.ethlife.ethz.ch/articles/tages/show/0,1046,0-8-1221,00.html. 14.09.2001.
  • Müller A, Krebs, Amiel F, 1997. Bienen: Mitteleuropäische Gattungen, Lebensweise, Beobachtung.
  • Röseler P-F, 2001. Der Hummelgarten.
  • Smeets P, Duchateau MJ, 2003. Longevity of Bombus terrestris workers (Hymenoptera: Apidae) in relation to pollen availability, in the absence of foraging. Apidologie 34 (2003), 333 – 337.


Autor: Über Cornel van Bebber
Autor und Administrator dieser Seiten seit 1998. Rheinländer, Studium Chemie und Biologie. Entdeckte die Hummeln durch das Hummelbuch von v. Hagen. Mehr zur Entstehungsgeschichte dieser Seite. Google+: Cornel van Bebber
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6 Antworten auf Hummelvolk: Hummelnester enthalten einen ganzen Staat

  1. [...] aus faulem Abwarten auf dem Hügel besteht, bis ein Weibchen vorbeigeflogen kommt und es zur Begattung kommt. Biologie der Hummeln, Hummelarten, Hummelschutz | begattung, biologie, drohn, [...]

  2. Kirsten sagt:

    Hallo!
    Ich hätte eine Frage, vielleicht können Sie mir helfen.
    Heute morgen war auf einmal eine große Hummel im Badezimmer. Nach Recherche im Internet gehe ich davon aus, dass das eine Königin ist, die in einem der Blumentöpfe überwintern wollte, die ich in unser kleines Bad gestellt habe.
    Dort hatten wir bisher nicht geheizt, es war also eher kühl da drin. Aber die letzten Tage haben wir da jetzt doch die Heizung aufgedreht, das hat die Hummel wohl geweckt.
    Als ich das alles herausgefunden hatte, habe ich die Heizung sofort wieder abgestellt und die Tür zugemacht, damit es kühl bleibt. Die Hummel ist wieder verschwunden.
    Jetzt bin ich mir aber nicht sicher, ob ich die richtige Entscheidung gefällt habe. Vielleicht ist es für den ganzen Winter ja doch zu warm für die Hummel?
    Soll ich sie auf den Balkon bringen? Oder ist es da schon zu kalt? Welche Temperatur sollte denn den Winter über herrschen?
    Vielen Dank im Voraus!
    Kirsten

    • Cornel sagt:

      Vielen Dank für Ihre große Umsicht. Ja, das dürfte ganz sicher eine Hummelkönigin auf Überwinterung gewesen sein.
      Sind Sie sich sicher, dass die Hummel wieder “weg” ist? Normalerweise unterbrechen die diese Phase nicht, buddeln sich also nicht wieder ein. Wenn doch, dann wäre ein Plätzchen auf dem Balkon absolut geeignet, da ist es nicht zu kalt. Hummeln graben sich etwa 5 bis 10 cm tief ein, da herrschen dann Temperaturen um den Gefrierpunkt und knapp drunter.

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