Hummeln Umwelt-Online-Award in Gold 2002

Hummeln

Hummeln kann man kaufen: Perfekte Bestäubung

4. Große Bedeutung der Hummel als Bestäuber für Wildpflanzen durch Koevolution

Hier klingt bereits die Bedeutung der Hummel für natürliche Lebensräume an. Im Norden Europas, aber auch auf manchen Höhenzügen Mitteleuropas (Alpen!) sind Hummeln häufig die einzig aktiven Insekten. Bienen könnten wegen der niedrigen Temperaturen dort nicht überleben. So hängt die Vegetation ganzer Landstriche von der Existenz der pelzigen Insekten ab. Gerade hier sind Hummelschutzmaßnahmen wichtig. Die Pflanzen besitzen aber durch evolutive Prozesse hervorgerufene Organumbildungen oder Merkmale, die es den Hummeln erleichtern die Blüten zu nutzen. Schließlich ist die Konkurrenz in diesen Gebieten unter den Pflanzen groß, wenn es nur wenige Bestäuber gibt. So nutzt eine Hummel sicherlich diejenigen Blüten häufiger, die sie leichter ausbeuten kann, mit der Konsequenz, dass sich diese Pflanze stärker vermehren kann. Da bei solchen Anpassungsprozessen beide Seiten profitieren und im Laufe der Zeit exakt aufeinander abgestimmt wurden, spricht man auch von Koevolution. Sichtbar wird dies beispielsweise beim Eisenhut, einer giftigen, aber sehr schön anzusehenden Staude, die in Deutschland beispielsweise noch im Bayerischen Wald vorkommt. Durch die Form der Blüte können nur Hummeln an den Nektar gelangen. Er wird mit einem Rüssel entnommen, der bei den Hummeln lang, bei Bienen kurz ist. Der Nektar ist nun so tief verborgen, dass ihn nur die so genannte Eisenhuthummel mit ihrem besonders langen Rüssel erreichen kann. Der Vorteil liegt auf der Hand: Die Eisenhuthummel findet immer mit Nektar angefüllte Blüten vor, weil Konkurrenten die Pflanze nicht nutzen können. Die Pflanze wiederum bindet die Hummel an sich und vermehrt sich dementsprechend häufiger.

Der Nachteil ist aber auch offensichtlich: Fehlt einer der beiden Partner, kann auch der andere nicht überleben, weil sie beide völlig voneinander abhängig sind. Daher kommt es bei derart spezialisierten Organismen auf den Erhalt des Lebensraums an.

Neben diesem Beispiel gibt es weltweit zahlreiche weitere Pflanzen, die eine ideale Tankstelle für Hummeln darstellen. In Deutschland könnten noch Lupine und die Taubnesselarten leicht genannt werden. Die Luzerne wird beispielsweise nur zu einem Prozent von Bienen bestäubt, zu 78% jedoch von Hummeln (Rest von anderen Wildbienen), bei Rotkleekulturen beträgt der Anteil 70 bis 100%.

Löwenmäulchen, eine beliebte Gartenpflanze, werden nur durch Hummeln bestäubt, da nur sie durch ihren „massigen“ Körper die Fähigkeit haben, enge Blütenröhren aufzustemmen.




5. Bestäubung ist für die Hummel Nebensache – sie will nur Treibstoff tanken

Für die Pflanze ist die Bestäubung die Hauptsache, für die Hummel nur – wenn überhaupt – eine Nebensache. Für das Insekt geht es nur um neuen Treibstoff und um den Blütenstaub, der für die Proteinversorgung wichtig ist. Von beidem gilt es, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu sammeln. Gerade diese Technik wird heute weltweit von Forschern untersucht.

An Arbeiterinnen, denen Zuckerlösung (rot) oder Zuckerlösung und Blütenstaub (gelb) zur Verfügung standen, wurde getestet, wie lange sie überleben können. Ohne Blütenstaub sind 50% der Tiere nach 15 Tagen gestorben. Wenn Pollen zur Verfügung steht, leben noch nach 54 Tagen die Hälfte der Tiere. Nach Smeets & Duchateau 2003.

Larven nutzen den Blütenstaub zum Aufbau von Geweben, sie ernähren sich von Pollen. Die Königin nutzt den Blütenstaub vor allem zur Ausbildung der Eier. Seit einigen Jahren weiß man auch, dass Arbeiterinnen ihr ganzes Leben lang Pollen brauchen, obwohl sie weder wachsen, noch Eier legen. Eine Arbeiterin ohne Pollenversorgung stirbt aber schon nach durchschnittlich 15 Tagen. Hat sie Zugriff auf ausreichend Blütenstaub, stirbt sie – dann wohl eher an Altersschwäche – nach durchschnittlich 54 Tagen (Smeets & Duchateau 2003).

Als Treibstoff nutzen Hummeln den Nektar (Gelegentlich kann auch entgegen der Beschreibung in von Hagen (1990) Honigtau gesammelt werden). Die Arbeiterin saugt ihn in ihren Honigmagen und erbricht ihn im Nest in eine Vorratszelle aus Wachs. Von diesem Nektar bedienen sich auch alle anderen Hummeln, die entweder zu wenig Nektar gesammelt haben oder die im Nest zur Aufzucht des Nachwuchs geblieben waren. Da der Nektar die einzige Energiequelle darstellt, Hummeln aber gleichzeitig praktisch keine Vorräte anlegen (Sobald einige Vorratszellen gefüllt sind, wird weniger Nektar gesammelt. Der Vorrat reicht nur für etwa zwei Tage.), müssen sie häufig Energiekrisen überstehen. Diese treten beispielsweise auf, wenn in der Natur nur wenige Pflanzen blühen (z.B. Sommer). So ist die oben angegebene Fähigkeit, auch bei schlechtem Wetter ausfliegen zu können, überlebenswichtig. Während die Bienen bei schlechtem Wetter von ihren Vorräten zehren können, müssen die Hummeln draußen nachtanken. Das erweist sich häufig als schwierig, da bei schlechtem Wetter viele Pflanzen gar nicht erst die Blüten öffnen und die Hummeln Not leiden.

Dazu kommt, dass das Fliegen enorm viele Kalorien verbraucht. Heinrich (1979) gibt an, dass eine ein halbes Gramm schwere Hummel pro Stunde 150 Kalorien für die Nahrungssuche und die Versorgung der Larven verbrauchen kann. Diese Energiemenge entspricht dem Nektar von 500 Heidelbeerblüten. So erklärt sich auch die weiter oben beschriebene schnelle Arbeitsweise der Hummel. Schließlich kann niemand trödeln, wenn noch alleine 500 Blüten zur Eigenversorgung besucht werden müssen. Die oben erwähnten industriell hergestellten Hummelstaaten enthalten daher einen reichlichen Zuckerwasservorrat, damit sich die Tiere auf das Sammeln von Pollen (s. u.) und das Bestäuben konzentrieren können.

Heinrich (1979, S. 50) hat eine erstaunliche Rechnung aufgestellt: Wenn Honigbienen im gleichen Tempo wie Hummeln Futter einbringen würden, käme eine Kolonie von 4000 Honigbienen auf einen Ertrag von 15 Litern Honig pro Tag! Eine Hummelkolonie sammelt pro Tag eine Nektarmenge, die 45 g Zucker entspricht. Dazu kommen noch 20 g Pollen (S. 51).

Wie clever die Insekten bei der Suche nach Süßem sind zeigt die Firma Vivil, die man als Bonbonhersteller kennt. Die süßen Bonbonrückstände aus der Produktion landeten eine Zeitlang so auf dem Abfall, dass sie Heerscharen von Bienen anlockten. Die nahmen lieber die Bonbons als Blüten und transportierten alles in den Stock. Der Imker erhielt kurz darauf Honig mit Pfefferminz-, Karamell- und Nussgeschmack. Vivil musste nach einem Gerichtsbeschluss insektensichere Abfallbehälter entwickeln, damit die Bienen nicht mehr die Bonbons nutzen konnten (Baden Online, 2002).

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Autor: Cornel van Bebber | Datum: 22. April 2011 - 15:44 Uhr | Update: 16. April 2015 - 17:06 Uhr | Kommentare: 3

Autor: Cornel van Bebber
Autor und Administrator dieser Seiten seit 1998. Rheinländer, Studium Chemie und Biologie. Entdeckte die Hummeln durch das Hummelbuch von v. Hagen. Mehr zur Entstehungsgeschichte dieser Seite. Google+: Cornel van Bebber
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3 Kommentare

  1. Laura Gutermann | | Link zum Kommentar

    Wenn Hummel wärmere Blüten bevorzugen, ist das denke ich auch die Erklärung für die Lieblingsfarben:
    dunkle Farben, also auch Blüten, wärmen sich stärker auf als hellere, da mehr Licht absorbiert wird. Deutlich zu sehen ist das bei blau als am meisten bevorzugte Farbe gefolgt von rot. Erst dann kommt gelb und weiß als hellste aller Farben wird sehr wenig angeflogen.

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