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Hummeln

Bürger als Forscher: Kein Bestäubermangel in England

Eine Ackerbohne, wie sie im Forschungsprojekt verwendet wurde. Das Foto von Hornbeam Arts steht unter CC-Lizenz.

Eine Ackerbohne, wie sie im Forschungsprojekt verwendet wurde. Das Foto von Hornbeam Arts steht unter der CC-Lizenz BY-NC 2.0.

Mit dem Verschwinden von Hummeln und Bienen steht unsere Nahrungsgrundlage auf dem Spiel.
Denn diese Insekten sind wichtige Bestäuber unserer Kulturpflanzen wie Erdbeeren, Tomaten oder Bohnen.

Britische Forscher wollten in Erfahrung bringen, ob der Verlust an Hummeln und Bienen bereits zu einem Bestäubermangel geführt hat, der auch wirtschaftliche Folgen hätte.

Denn wie wichtig Hummeln und Bienen für uns sind, lässt sich bislang nur schätzen. Demnach ist die Bestäubung weltweit 112 bis 200 Milliarden Dollar pro Jahr wert.

Die gute Nachricht: Die Briten konnten keinen Bestäubermangel nachweisen – allerdings wies die Studie leider methodische Mängel auf.

Gibt es bereits einen Mangel an Hummeln und Bienen? Konkret:

Mit Hilfe eines sog. Citizen Science-Projekts hat eine englische Wissenschaftlerin getestet, ob schon so wenige Insekten fliegen, dass es einen Bestäubermangel gibt. Bei „Citizen Science“ arbeiten Bürger und Wissenschaftler zusammen. Konkret bedeutet das hier, dass 173 Briten im ganzen Land Versuche für Linda Birkin von der University of Sussex im eigenen Garten durchführten. Anschließend schickten sie ihr die Ergebnisse, die Birkin dann auswertete.

Birkin konnte dadurch sehr viel mehr Versuche gleichzeitig auswerten. Außerdem erhielt sie Daten vom schottischen Norden bis zum Süden Englands. Für sie selbst wäre es unmöglich gewesen, so viele Versuche gleichzeitig im ganzen Land durchzuführen. Hier zeigte sich die Stärke von „Citizen Science“.

Methode: So ging Birkin vor

Im Februar 2014 schrieb sie Freiwillige an und verschickte im März Kisten mit Materialien. In jeder Kiste fanden die Teilnehmer

  • zwölf Samen der Ackerbohne,
  • ein Insektennetz,
  • acht 1,5 Liter fassende Blumentöpfe,
  • eine Zuchtanleitung für die Aussaat und Pflege der Ackerbohnen,
  • Instruktionen zu Versuchen und
  • ein Protokollblatt.

Per Email, Videos und einer Hotline informierte Birkin die Teilnehmer der Studie. So half sie bei Unklarheiten oder erinnerte an die Arbeiten in den verschiedenen Phasen des Versuchs.

Erste Phase:

Das erste Ziel war es, aus den zwölf Samen mindestens acht Bohnenpflanzen zu erhalten. Vier Pflanzen, die gleich groß waren, wurden für das Experiment ausgewählt, die übrigen waren überzählig.

Zweite Phase:

Die erste Pflanze deckten die Nachwuchs-Forscher mit einem Netz ab, so dass keine Hummel und Biene an die Blüten kam. Die zweite Pflanze bestäubten die Teilnehmer selber. Dazu übertrugen sie die Staubgefäße von Blüten der dritten Pflanze per Pinzette auf die Narbe der Blüte der zweiten Pflanze. Diese Arbeit wiederholte sich alle zwei Tage.
Gerade dieser Teil erwies sich als sehr schwierig, viele scheiterten. Wie sich erst später herausstellte, wäre ein bloßes Klopfen oder Drücken der Blüte auch ausreichend gewesen. Bei der Ackerbohne liegen nämlich Narbe und Staubgefäße für eine Selbstbestäubung nahe genug beieinander. Daher schlägt Birkin hier für die Zukunft eine Vereinfachung vor.
Übrigens ließen chinesische Bauern in 2013 die Obstbäume genau so bestäuben. Sie hatten zuvor so viele Pestizide versprüht, dass alle Insekten tot waren.
An der vierten Pflanze wurde nichts manipuliert: Hier gelangten die Insekten ohne Probleme zu den Blüten und bestäubten selbst.

Dritte Phase:

Nach zehn Wochen lief die Messung: Wie viele Schoten hatten sich gebildet? Wie groß war der Ertrag (Gewicht der Schoten, Anzahl der Bohnen, Gewicht der Bohnen)?

Ergebnisse

  • 80 der 173 Teilnehmer schlossen die Untersuchung erfolgreich ab. Bei den anderen vertrockneten viele Pflanzen, Schnecken fraßen die Keimlinge, Wind knickte die Pflanzen um oder Krankheiten breiteten sich aus. Dabei waren die Teilnehmer umso erfolgreicher, je mehr Erfahrung sie im Gärtnern hatten. Besitzer eines Schrebergartens und Personen, die weitere Bohnenpflanzen kultivierten, waren eindeutig erfolgreicher.
  • Es gibt keinen Bestäubermangel. Die Pflanzen mit Insektenbestäubung produzierten gleich viele Bohnen wie die Pflanzen mit der Handbestäubung. Hätte es einen Bestäubermangel gegeben, wäre die Handbestäubung ertragreicher gewesen. Die Pflanzen, die mit dem Netz abgedeckt waren, produzierten auch Bohnen, allerdings deutlich weniger. Hier reichte offenbar ein zufälliges Rütteln an den Blüten für eine Selbstbestäubung aus.

Kritik an der Studie

Wie sich erst im Verlauf der Studie gezeigt hatte, bestäubt die Ackerbohne ihre Blüten auch gerne selbst. Streift man nämlich im Vorbeigehen die Blüten so, dass diese leicht bewegt werden, fallen bereits Pollenkörner auf die Narbe der Blüte und bestäuben diese. Dadurch könnten Ergebnisse, die der Insektenbestäubung zugeschrieben werden, auch durch einfaches Rütteln der Pflanze entstanden sein. Wenn das der Fall ist, wäre ein Bestäubermangel nicht auszuschließen. Mit anderen Worten: Für die Studie wurde die falsche Pflanze gewählt.

Mitmachen?

Die britische Untersuchung ist prinzipiell leicht auf andere Regionen zu übertragen, auch wenn von den Teilnehmern einiges gärtnerisches Können abverlangt wird. Hier wäre es möglich, die Versuche zu vereinfachen.

Ich würde eine solche Untersuchung für 2017 anstreben. Wichtig erscheint mir aber in diesem Jahr die Festlegung einer geeigneten Pflanze:

Ich würde daher gerne alle Hummelfreunde dazu aufrufen, in diesem Jahr verschiedene Pflanzen zu testen, ob diese geeignet für eine Untersuchung sind. Dazu müsste die Pflanze

  • eine Hummelpflanze sein, also gerne von Hummeln besucht werden
  • nur von diesen bestäubt werden, also weder von anderen Tieren noch durch Selbstbestäubung. Letzteres könnte man ausschließen, wenn man an einer Vergleichsplanze die Blüten abdeckt (Tüte ankleben) und immer wieder kräftig rüttelt und später dennoch keine oder kaum Früchte entstehen.
  • leicht zu kultivieren sein

Bitte nutzen Sie die Kommentarfunktion, um Ihre Teilnahme an dem Test zu signalisieren oder um weitere Hinweise zu geben. Vielleicht notieren Sie auch, welche Pflanze Sie testen möchten.

Literatur & Links


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Autor: Cornel van Bebber | Datum: 10. April 2016 - 10:36 Uhr | Update: 10. April 2016 - 10:47 Uhr | Kategorie: Biologie der Hummeln, Garten für Hummeln | Schlüsselwörter: , , , , , , , , | Kommentare: 12

Autor: Cornel van Bebber
Autor und Administrator dieser Seiten seit 1998. Rheinländer, Studium Chemie und Biologie. Entdeckte die Hummeln durch das Hummelbuch von v. Hagen. Mehr zur Entstehungsgeschichte dieser Seite. Google+: Cornel van Bebber
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