Home | Forum | Fakten | Schutz | Unterricht | Kinder | Service

Altruismus und Egoismus:
Verhalten als Resulat der Evolution

Altruismus und die koreanischen Geiseln

Hat sich die Süddeutsche Zeitung hier inspirieren lassen?

Im September 2007 brachte die Süddeutsche Zeitung auf Seite 2 einen kurzen Artikel zum Thema Altruismus. Anlass war der Verzicht einer koreanischen Geisel aus der afghanischen Gefangenschaft entlassen zu werden und stattdessen einer anderen Geisel den Vorzug zu lassen. Dieses Verhalten ist altruistisch, da der andere einen Vorteil, man selbst aber einen Nachteil hat. Die Süddeutsche erklärte nun den Begriff.
Wer nun den Artikel hier und den Beitrag in der Süddeutschen kennt, könnte glauben, der Redakteur hätte diese Seite besucht und die Informationen gleich genutzt. Vergleichen Sie den SZ-Beitrag (auf das Bild klicken) mit dieser Seite.

1. Einleitung

Schon 1957 bezog der Forscher Haldane die darwinsche Evolutionstheorie auf das Verhalten und postulierte die Verwandtenselektion. Berühmt wurde er mit der Äußerung, er würde genau dann zum Lebensretter, wenn sich durch seinen Einsatz zwei Brüder oder acht Cousins beispielsweise aus einem reißenden Fluss ziehen ließen, selbst wenn er dabei stürbe (s. Kapitel 5). Ernst genommen wurde er aber ebenso wenig wie Richard Hamilton, der 1964 als Student in seiner Doktorarbeit alle wesentlichen Zusammenhänge zur Erklärung altruistischen und egoistischen Verhaltens aufstellte. Er war es, der fortan jedes Verhalten unter eine Kosten-Nutzen-Analyse stellte und in diese auch den Verwandtschaftsgrad einbezog. Leider rechnete Hamilton in seiner Publikation so viel, dass seine Erkenntnisse unbeachtet blieben. Erst Richard Dawkins 1976 erschienenes Buch "The selfish gene" (Das egoistische Gen) verpackte die wissenschaftlichen Schlussfolgerungen in eine von Jedermann zu verstehende Sprache.

Auch wenn Dawkins Ansichten sich nicht völlig als richtig erwiesen haben, war sein Buch ein Meilenstein in der Evolutionsbiologie. Heute forschen viele Wissenschaftler an derartigen Zusammenhängen. Staaten bildende Insekten, auch als soziale Insekten positiv bewertet, stellen wichtige Modellorganismen, an denen das Verhalten gut studiert werden kann.

In diesem Artikel geht es um die Erklärung zweier gegensätzlicher Verhaltensweisen, dem Altruismus und dem Egoismus. An verschiedenen Beispielen und vor allem letztlich am Beispiel der Hummeln wird demonstriert, dass das Verhalten Resultat der Selektion ist. Dadurch muss es genetisch festgelegt sein und vererbt werden können. Zum Schluss wird versucht, die Theorie von Tieren auf Menschen zu übertragen.

2. Definitionen

Stefan Zweig beschreibt in seiner Erzählung "Ein Mensch, den man nicht vergisst" den sonderlichen Anton, der sich von anderen dadurch abhebt, dass er nicht nur Bedürftigen hilft, sondern dafür auch keinen Lohn erwartet. Er verrichtet dabei zum Teil schwere Arbeit, macht seine Arbeit gut - und geht. Anton lebt letztlich vom schlechten Gewissen desjenigen, dem geholfen wurde. Dieser hält Anton beim nächsten Mal rechtzeitig auf und gibt sehr viel reichhaltiger, als es für die Arbeit nötig gewesen wäre.

2.1. Altruismus ist das Gegenteil von Egoismus

Anton, der so mit jedem, nicht nur mit seinen Freunden umgeht, zeigt eine bestimmte Form altruistischen Verhaltens und die Wissenschaften - vor allem die Evolutionsbiologie - streiten sich darüber, ob es Altruismus bei Lebewesen überhaupt geben kann. Kennen Sie einen wie Anton?
Unter Altruismus versteht man ein Verhalten, das das Wohlergehen eines anderen Organismus steigert. Definiert man Altruismus als Gegenteil des Egoismus, ist Altruismus noch viel mehr. Man handelt dann altruistisch, wenn man das Wohlergehen des anderen steigert, dies aber auf Kosten des eigenen Wohlergehens geht. Die Evolutionsbiologen sprechen von einem Fitnessverlust, der dann auftreten würde. "Fitness" darf nicht im sportlichen Sinne verstanden werden. Vielmehr ist damit der Fortpflanzungserfolg gemeint, der eben dann verringert wird (Fitnessverlust), wenn der Organismus ein Verhalten zeigt, das ihm selbst schadet (Beispielsweise würde Drogenkonsum zu einem Fitnessverlust führen, da starkes Rauchen die Zahl der funktionsfähigen Spermien verringert, gleichzeitig die Zahl der Genmutationen steigt).
Altruismus ist damit etwas anderes als Kooperation. Hier hätten alle Beteiligten einen Vorteil, ein Fitnessverlust würde nicht auftreten.
Bei Anton handelt es sich aber eher um den so genannten reziproken Altruismus. Dabei wird der Fitnessverlust in Kauf genommen, weil mit ihm die Erwartung verbunden ist, dass der Nutznießer einem gegenüber das positive Verhalten erwidert. Unterm Strich ergibt sich dadurch kein Fitnessverlust mehr, die Rechnung geht "plus-minus Null" aus. In diesem Zusammenhang würde das Sprichwort "Eine Hand wäscht die andere" passen.

3. Auftreten von Altruismus und Egoismus bei Lebewesen

Seitdem Charles Darwin seine Evolutionstheorie vorgestellt hat, muss sich jedes Verhalten für einen Biologen erklären lassen. Abgeleitet von Darwin sind sich die heutigen Wissenschaftlicher sicher, dass auch das Verhalten im Erbgut festgelegt ist. Ob sich ein Mensch also in einer bestimmten Situation eher altruistisch oder egoistisch verhält, liegt dann an seinen Genen. Des Weiteren kann ein Verhalten in den Nachkommen nur vorkommen, wenn es dem Besitzer des entsprechenden Gens nützt, er einen so genannten Selektionsvorteil hat. Man sagt auch, dass dieses Verhalten die Fitness des Individuums steigern muss.

3.1. Altruismus darf es gar nicht geben

Demnach kann Altruismus nach Darwin gar nicht existieren. Vielmehr müsste unter den Lebewesen Mord und Kannibalismus herrschen, denn die Fitness des Einzelnen würde steigen, wenn der Konkurrent nicht mehr leben würde und man selber den Konkurrenten auch noch als Ressource nützt - ihn einfach auffrisst. Das gibt es tatsächlich, beispielsweise bei Sandhaien, die auch aufgrund des Kannibalismus selten geworden sind. Noch im Mutterleib fressen sich die Haijungen gegenseitig auf. Doch der Sandhai scheint eine Ausnahme zu sein. Richard Dawkins (1994, S. 123) schreibt: "Es könnte daher scheinen, als sei die folgerichtige Taktik […] die, ihre Rivalen zu ermorden und dann am besten zu verzehren. Mord und Kannibalismus kommen zwar tatsächlich in der Natur vor, sind aber nicht so häufig." Stattdessen kennen wir eher unblutige Rivalenkämpfe und Drohgebärden, die häufig eine Auseinandersetzung schon entscheiden, ohne dass einer zu Schaden gekommen ist. Hatte Darwin also Unrecht? Oder wo liegt der Denkfehler?

Egoistisches Verhalten ließe sich leicht mit Darwins Theorie erklären, da sie zu einem Fitnessgewinn führt, und natürlich gibt es zahlreiche Beispiele für Egoismus. Doch gibt es nicht auch - scheinbares - altruistisches Verhalten?
Zum Weiterlesen laden Sie sich bitte kostenlos und ohne weitere Verpflichtungen das pdf-Dokument herunter.

download

Kostenloser Download zum Weiterlesen

inhalt

  • 1. Einleitung
  • 2. Definitionen
  •     2.1. Altruismus ist das Gegenteil von Egoismus
  • 3. Auftreten von Altruismus und Egoismus bei Lebewesen
  •     3.1. Altruismus darf es gar nicht geben
  •     3.2. Beispiel "Mutterliebe"
  •     3.3. Beispiel "Brutpflegehelfer beim Graufischer"
  •     3.4. Beispiel "Warnung vor dem Feind"
  •     3.5. Beispiel "Staaten bildende Insekten"
  • 4. Entlarvt! Altruistisches Verhalten ist egoistisch!
  •     4.1. Erklärung des Beispiels "Warnung vor dem Feind"
  • 5. Verwandtenselektion
  •     5.1. Erklärung des Beispiels "Mutterliebe"
  •     5.2. Erklärung des Beispiels "Brutpflegehelfer beim Graufischer"
  •     5.3. Ist wenigstens Verwandtenselektion altruistisch?
  •     5.4. Die besonderen Verhältnisse bei Staaten bildenden Insekten
  •         5.4.1. Erklärung des Beispiels "Staaten bildende Insekten"
  •         5.4.2. Besonderheiten bei Hummeln
  • 6. Gilt das auch für Menschen?
  •     6.1. Altruistisches Bestrafen
  •     6.2. Altruismus tritt bei Kleinkindern auf
  • 7. Und doch: Altruismus bei Tieren
  • 8. Fazit
  • 9. Literatur

google scholar

Suche nach den im Artikel genannten Autoren.

literatur

  • Dawkins R, 1994. Das egoistische Gen.
  • Fehr E, Renninger S-V, 2004. Das Samariter-Paradox. Gehirn & Geist, 1/2004, 34 - 41.
  • Göldenboog C, 1998. Hilfsbereitschaft - ein egoistischer Instinkt? Evolution und Ethik. Psychologie Heute, Nov. 1998.
  • Gürerk Ö, Irlenbusch B, Rockenbach B (2006). The competitive advantage of sanctioning institutions. Science, 2006, 312, 108 - 111.
  • Hallmen M, 1999. Der Staat der Honigbienen. Praxis der Naturwissenschaften - Biologie, 7/48, 22 - 28, 1999.
  • Lopez-Vaamonde C, Koning JW, Brown RM, Jordan WC, Bourke FG, 2004. Social parasitism by male-producing reproductive workers in a eusocial insect. Nature, 430, 557 - 560, 2004.
  • Sime JD, 1983: Affiliative behavior during escape to buildings exits. Journal of Enviromental Psychology, 3, 21 - 41
  • Warneken F, Tomasello M, 2006. Altruistic helping in human infants and young chimpanzees. Science, 311, 1301 - 1303.
  • Warneken F, Hare B, Melis AP, Hanus D, Tomasello M (2007). Spontaneous altruism by chimpanzees and young children. PLoS Biol 5(7): e184. doi:10.1371/journal.pbio.0050184
  • Wieser W, 2004. Von Insekten und Menschen. Biologie in unserer Zeit, 1/34, 32 - 36, 2004.
  • Archiv

© van Bebber, Cornel (06.06.2009). Altruismus, altruisitisches Bestrafen und Egoismus: Verhalten als Resultat der Evolution. http://aktion-hummelschutz.de/fakten/altruismus.html.
Diese Seite ist nicht nur urheberrechtlich geschützt, sondern auch mit einigen Kosten und Mühen erstellt worden. Sei fair und kopiere keine Teile dieser Seite. Nachdruck und Weiterverbreitung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung. Weiter....