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Hummeln

Ihr habt ja alle keine Ahnung… – Wie die Regierung mit Studien zum Insektentod umgeht

Die Bundesregierung hat 31 Antworten auf die „kleine Anfrage“ des Abgeordneten Harald Ebner gegeben, in der es um die Gefahr durch Neonicotinoide für Insekten ging.

Spätestens ab Frage 8, die sich auch mit den Hummeln und der hier vorgestellten Studie beschäftigt, zeigt sich das Schema im Umgang mit wissenschaftlichen Studien, die auf eine Gefahr durch Neonicotinoide hinweisen:

 

 

Möglichkeit 1: Die Durchführungsweise der Studie anzweifeln und behaupten, die Daten sind unbrauchbar

Die in der Zeitschrift Science Express publizierten Untersuchungsergebnisse weisen auf ein potenzielles Risiko durch Neonicotinoide für Hummeln und Honigbienen unter bestimmten „Worst-case-Bedingungen“ hin. Diese Bedingungen sind vor dem Hintergrund der wissenschaftlichen Erkenntnisse hinsichtlich der Expositionsdauer (Untersuchungen zu Hummeln) bzw. -höhe (Untersuchungen zu Honigbienen) als wenig realistisch zu bewerten.

Whitehorn et al. stellten signifikante Unterschiede hinsichtlich des Gewichts der Völker sowie der Anzahl an Königinnen fest. Da die Anzahl produzierter Hummelköniginnen von verschiedenen Faktoren und nicht nur dem Gewicht abhängt, sollte die Studie unter GLP-Bedingungen (GLP = Good Laboratory Practice, Gute Laborpraxis) wiederholt werden, um die Reproduzierbarkeit der Befunde zu überprüfen. Zudem wäre eine konkrete Expositionsabschätzung vorzunehmen, um die Realitätsnähe beurteilen zu können.
(S. 6)

Möglichkeit 2: Ein günstiges Detail der Studie allgemeingültig erklären, Ungünstiges wird dadurch unrealistisch

In der Studie von Pettis et al. wurde die Sporenbelastung von Bienen im Labor nach Exposition gegenüber Imidacloprid-haltigem Futter untersucht und […] eine erhöhte Sporenbelastung unter Laborbedingungen festgestellt. In der Studie von Pettis et al. wurden zusätzlich auch die im Freiland stehenden Bienenvölker untersucht, die der Testsubstanz ausgesetzt waren. Der Autor der Studie kommt für die im Freiland stehenden Bienenvölker im Gegensatz zu den Laborversuchen zu dem Ergebnis, dass bei den mit Imidacloprid gefütterten Völkern im Freiland keine erhöhte Sporenbelastung und damit kein Zusammenhang zwischen der Infektion mit Nosema-Sporen und der Fütterung von Imidacloprid im Freiland feststellbar war, wie es auf Grund der Laborergebnisse erwartet worden war. Dies zeigt, dass Ergebnisse, die unter Laborbedingungen erarbeitet worden sind, nicht generell auf Freilandbedingungen übertragen werden können.
(Seite 11)

Möglichkeit 3: Die „Umstände“ für die Daten der Studien heranziehen

Zur Beobachtung aus den Niederlanden, dass insektenfressende Vögel seltener wurden, wenn Neonicotinoide gespritzt wurden:

Es ist nicht auszuschließen, dass die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln durch indirekte Effekte, beispielsweise durch Minderung der verfügbaren Nahrungsgrundlage, die Bestandsentwicklung von Vogelarten beeinflusst. Es erscheint jedoch wenig plausibel, derartige Wirkungen allein einer bestimmten Wirkstoffgruppe wie den Neonicotinoiden zuzuschreiben.
(S. 7)

Möglichkeit 4: Wenn gar nichts mehr geht, eine Regel erlassen, an die sich dann bitteschön die Landwirte selbst halten müssen

Zu einer eigenen Studie, die eine Neonicotinoid-Belastung in sog. Guttationstropfen ermittelte, die von Bienen genutzt werden.

Bei feldrandnaher Aufstellung der Bienenvölker im Freiland kann eine Aufnahme von Guttationstropfen durch einzelne Bienen und darauf folgende Vergiftung von einzelnen Bienen zu bestimmten Zeiten nicht völlig ausgeschlossen werden. Es bleibt aber festzuhalten, dass eine relevante Schädigung und somit Gefährdung von Bienenvölkern bisher nicht nachgewiesen werden konnte und keine Auswirkungen auf die Gesundheit der Bienenvölker, Volks- und Brutentwicklung sowie Honigertrag festgestellt wurden. […]
Auf Grundlage der vorliegenden Erkenntnisse hat das BVL mit der Zulassung von Neonicotinoid-haltigen Saatgutbehandlungsmitteln für den Raps […] die Landwirte verpflichtet, Imker, deren Bienenstände sich im Umkreis von 60 m um die behandelten Flächen befinden, 48 bzw. 72 Stunden vor der Aussaat zu informieren.
(S. 8f.)

Sind Sie jetzt überzeugt, dass Neonicotinoide ganz harmlos sind?

 


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Autor: Cornel van Bebber | Datum: 11. Juli 2012 - 18:29 Uhr | Update: 11. Juli 2012 - 18:37 Uhr | Kategorie: Hummelschutz | Schlüsselwörter: , , , , , , , , , , , | Kommentare: 2

Autor: Cornel van Bebber
Autor und Administrator dieser Seiten seit 1998. Rheinländer, Studium Chemie und Biologie. Entdeckte die Hummeln durch das Hummelbuch von v. Hagen. Mehr zur Entstehungsgeschichte dieser Seite. Google+: Cornel van Bebber
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2 Kommentare

  1. Karin Derjong | | Link zum Kommentar

    Moin!
    In diesem Jahr habe ich fast keine Insekten im Garten (3500 qm Obst, Gemüse und Blumen). Letztes Jahr und davor hatte ich noch jede Menge Hummelarten, Wildbienen und sogar Hornissen in der Scheune. Selbst die Fliegen an meinen Pferden und Rindern (bis auf Bremsen) scheinen weniger geworden zu sein. Schmetterlinge: 2 (!) Kohlweißlinge. In den Vorjahren hatte ich viele Pfauenaugen, kleine Füchse, Zitronenfalter und ab zu mal einen Admiral.
    Was ist los?
    Kommt das nur mir so vor?
    Bitte Antwort. Mache mir Sorgen.
    K. Derjong
    P.S. unser Hof liegt mitten im Maisland/Silo-Flächen

    Antworten
     
  2. derferdi | | Link zum Kommentar

    war bei mir auch so. fast keine insekten im garten zu finden. gerade mal bienen, wespen und seerosenkäfer sonst nur einzelne tiere. es waren noch nicht mal blutsaugende insekten im garten.

    Antworten
     

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