Hummeln Umwelt-Online-Award in Gold 2002

Hummeln

Nahrungsmangel ist Ursache Nr. 1 für Artenschwund (Studie)

Mooshummel (Foto: Hartwig)Dem Hummelfreund Hartwig war es 2014 gelungen, eine Mooshummel-Königin (Bombus muscorum) zu fotografieren. Sie ist in NRW vom Aussterben bedroht. Wie für die Mooshummel gilt für die anderen seltenen Hummelarten: Es sind Nahrungsspezialisten, deren bevorzugte Pflanzenart selten geworden ist.

Die intensive landwirtschaftliche Nutzung von Flächen ist Hauptursache für das Verschwinden von Hummelarten wie der Distelhummel und anderer Insekten.

Diese Aussage war zuletzt weder eine Neuigkeit noch umstritten, beruhte aber auf Spekulationen. Es gab einfach keine zuverlässigen Daten aus der Zeit vor 1950, als die Landwirtschaft noch keine Agrarindustrie war.

Niederländische Forscher haben nun mit einem Trick diese Datenlücke geschlossen. Sie konnten beweisen, dass mit dem Verschwinden von Hauptnahrungspflanzen auch Insekten seltener wurden. Außerdem ergaben sich dadurch Empfehlungen für eine Förderung der seltenen Arten, z.B. der Distelhummel.

Ernähren sich Hummeln ungesund?

Viele Hummeln ernähren sich für unsere Begriffe überhaupt nicht ausgewogen und vielfältig. Sie sind Nahrungsspezialisten, bevorzugen also nur eine oder wenige Pflanzenarten. Dazu kommt, dass sie nur zwei Produkte zu sich nehmen: Nektar als Energieträger (Zucker im Nektar enthält viele Kilokalorien!) und Blütenstaub (Pollen) zur Ernährung ihrer Nachkommen.

Während die Insekten beim Nektar nicht so wählerisch sind, produzieren manche Hummelarten weniger Nachwuchs, wenn der Blütenstaub nicht von der favorisierten Pflanze stammt. Manchmal wird gar kein Nachwuchs produziert.

Wird also die Nahrungspflanze ausgerottet, verschwindet mit ihr auch die Hummel.

Was fressen die seltenen Arten?

Die niederländischen Forscher fragten sich, wie man beweisen kann, dass Hummeln (und andere Bestäuber) wegen fehlender Nahrungspflanzen seltener geworden sind. Holland ist durch die ausgeprägte Landwirtschaft dafür sicherlich ein gutes Untersuchungsgebiet.

We investigate whether and to what extent loss of preferred floral resources drives bee population trends in The Netherlands, one of the most human-modified and intensively farmed countries in the world.
Scheper, 2014

Die Forscher mussten also herausfinden, ob häufige Insektenarten ein breites Nahrungsspektrum haben, seltene aber von wenigen Pflanzenarten abhängig, die nach 1950 selten geworden sind. Vorher waren die Arten noch häufig gewesen.

Seltene Arten beobachtet man natürlich auch selten bei der Nahrungsaufnahme. Die Ermittlung der bevorzugten Pflanzenart ist dadurch sehr schwierig. Außerdem würde man einen Fehler machen, wenn man schauen würde, welche Pflanzen die Tiere heute besuchten. Schließlich könnte es sich dabei nicht um die bevorzugte, sondern vielleicht nur um eine Ersatzpflanze handeln.

Das Museum bot die Lösung

Die Forscher untersuchten die bevorzugte Nahrungspflanze anhand der Pollenkörner, die sich im Pelz der Tiere fanden, als sie in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts für Insektensammlungen aufgespießt wurden. Solche entomologischen Sammlungen gibt es in vielen Naturkundemuseen, die Forscher nutzten die

[…] Natural History Museums of Amsterdam, Leiden, Leeuwarden, Rotterdam, Tilburg, Wageningen, and Brussels (Belgium).
Scheper, 2014

Ergebnisse

  • Es besteht bei denjenigen Tieren, die eindeutige Nahrungsvorlieben haben, ein Zusammenhang zwischen ihrer Seltenheit und dem Verschwinden ihrer Nahrung.
  • Unter den untersuchten Arten ergab sich ein Ranking in der Spezialisiertheit. Zudem zeigte sich, dass alle diese Arten auf der Roten Liste stehen:
    1. Waldhummel, Bombus sylvarum (stark gefährdet, Kategorie 2 aktuelle Rote Liste NRW)
    2. Veränderliche Hummel, Bombus humilis (vom Aussterben bedroht, Kategorie 1)
    3. Distelhummel, Bombus soroeensis (gefährdet, Kategorie 3)
    4. Feldhummel, Bombus ruderatus (ausgestorben, Kategorie 0, letzte Sichtung 1947)
    5. Bombus jonellus, Heidehummel (vom Austerben bedroht, Kategorie 1)
  • Die Distelhummel ernährt sich bevorzugt von Glockenblumen und Sandglöckchen. Für die anderen Hummelarten veröffentlichten die Forscher leider keine Pflanzenarten.
  • Viele seltene Arten nutzen Pflanzen, die auf Wiesen wachsen. Da die Bauern kaum noch Wiesenklee regelmäßig anpflanzen, fehlt diese Nahrungsgrundlage. Manche Arten weichen auf den Garten aus (Glockenblumen!), andere kommen aber nicht in Siedlungsnähe und werden dadurch immer seltener.
  • Arten, die von Kulturpflanzen leben, zeigen Populationszuwächse. Dies betrifft alles Arten, die nicht gefährdet sind:
    1. Wiesenhummel, Bombus pratorum (ungefährdet)
    2. Bombus hortorum, Gartenhummel (ungefährdet)
    3. Dunkle Erdhummel, Bombus terrestris (ungefährdet)
    4. Ackerhummel, Bombus pascuorum (ungefährdet)
    5. Steinhummel, Bombus lapidarius (ungefährdet)
  • Es gibt auch einen Zusammenhang zur Größe des Insekts: Je größer, desto eher selten: „Zwar können größere Arten weiter fliegen und mehr Nahrung sammeln. Gleichzeitig benötigt ihr Nachwuchs aber viel mehr Pollen und Nektar. Wir glauben, dass sie deshalb bei Nahrungsknappheit schneller in die Klemme geraten.“

Empfehlungen der Studie

Setzt Pflanzen, die viel Blütenstaub bieten

Nektar holen sich die Tiere anderswo, weil sie beim Nektar nicht so stark spezialisiert sind.

Säht keine Blütenmischung, kauft bestimmte Stauden!

Unsere Studie zeigt: Wenn man einjährige Blumen säht, ist das prima für viele Arten. Am meisten profitieren davon aber die Arten, denen es eh besser geht. Will man den am stärksten betroffenen Arten helfen, muss man gezielt ihre Wirtspflanzen fördern, da reichen die allgemeinen Blütenmischungen nicht.“ Spezialisten wie die Distelhummel brauchen auch spezielle Hilfe (Glockenblumen!).
Quelle: Deutschlandfunk

Setzt spät blühende Arten

Gerade spät blühende (=Juli!) Arten sind weniger geworden. Im Frühling können auch Kulturpflanzen oder robuste Pflanzen wie Raps, Weiden, Prunus-Arten und auch Löwenzahn eine Ressource darstellen. Blütenangebote sind für spät erscheinende Arten daher ein großes Problem. Die Studie empfiehlt Pflanzen, die zur Familie der Fabaceae gehören.

Literatur und Links


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Autor: Cornel van Bebber
Autor und Administrator dieser Seiten seit 1998. Rheinländer, Studium Chemie und Biologie. Entdeckte die Hummeln durch das Hummelbuch von v. Hagen. Mehr zur Entstehungsgeschichte dieser Seite. Google+: Cornel van Bebber
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4 Kommentare

  1. Felicitas | | Link zum Kommentar

    Sehr interessant. Werde also weiterhin mein „Unkraut“ im Garten kultivieren (rot blühender Klee, Spitzwegerich, usw.) – ganz ohne schlechtes Gewissen…

    Antworten
     
  2. Bulli | | Link zum Kommentar

    Na, ich weiß nicht.
    Eine Hummelart, die auf Glockenblumen spezialisiert ist, kann nicht durchgängig Glockenblumen antreffen.

    Zu dem Hummelsterben habe ich eine andere Theorie.

    Von Hummeln ist bekannt, dass sie sich bei Suchflügen und auf Nahrungssuche an Strukturen in der Landschaft orientieren. Eine der stärksten Strukturen ist die Vegetationskante an Straßenrändern.
    Schon 2014 schrieb ich im Forum von Hummeln, die offensichtlich nicht zu Potte kamen und stattdessen an Bordsteinkanten entlang nach Nistgelegenheiten suchten. Eine Kollison mit einem Auto bei nur 50 km/h war tödlich, was die Hummelkörper neben der Straße bewiesen.
    Auch konnte ich eine Hummel-Arbeiterin erleben, die sich todesmutig durch das Vorderrad meines (fahrenden) Fahrrades stürzte. Auch das kann tödlich enden.

    Dieses Jahr berichtete Christine1 von Mooshummelköniginnen, die an der Straße starben (Forum, Thema „Hummelsaison 2015“, 83. Blatt).
    Naturfreund John Walters twitterte Ende April von 21 tot aufgefundenen Hummelköniginnen an einem kurzen Stück Straße.
    Dabei waren 10 Berglandhummeln (Bombus monticola).
    Es mag vielleicht sein, dass einige Hummelarten wirklich durch Wegfall ihrer Nahrungspflanzen eingehen, aber Fakt ist, dass seit 1930, 1933, 1945 oder 1950 oder welches Datum man auch immer wählt, die von Ochsen gezogenen Droschken durch viel schnellere wie auch aerodynamisch kompaktere Fortbewegungsmittel mit mehr Luftverdrängung ersetzt wurden, die Straßenbeläge für höhere Geschwindigkeiten optimiert wurden und die Straßenrandstruktur durch den Kontrast Asphalt zu ungemähtem Grün noch viel ausgeprägter, also für Hummeln noch verlockender, wurde.

    Das Hummelsterben überleben nach meiner Meinung die Hummelarten, die genügend Geschlechtstiere erbrüten, damit die Verluste durch den Straßenverkehr ausgeglichen werden.

    Diese Theorie würde auch dieses erklären:
    Eigentlich müsste auf Grund der guten Trachtsituation hier die Population der Hummeln (die großen 6) viel höher sein. Die Hummeln können bis zum Ende der Kolonien (außer Ackerhummeln) schlecken soviel sie wollen. Gerade Wiesenhummel, Baumhummel und Gartenhummel sind schon vor Ende der Lindenblüte fertig. Da gibt es hier keinen Hunger. Dennoch sind die Nestgründungen im Frühjahr doch sehr rar. Grasbüschel gibt es genug und Mauslöcher auch. Das war für mich ein Rätsel. Berücksichtigt man die Verkehrstoten an den Straßenrandstreifen, wird es logisch.

    Ich glaube, dass die Reproduktionsrate von Hummeln nicht auf die Unfalltoten an Straßen eingestellt ist. Ich hoffe, dass einige Hummelarten ihre Reproduktionsrate signifikant steigern können, um die Verluste im Straßenverkehr ausgleichen zu können.

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