Neonicotinoide: Neue Studie sorgt für Aufregung

Tote Biene durch Neonikotinoide?

Welchen Einfluss haben Neonicotinoide auf das Sterben von
Bestäubern? Das Foto Lights out von aussiegall steht unter Foto unter Creative Commons License-Lizenz.

Neonicotinoide sind Pflanzenschutzmittel, die seit etwa 15 Jahren von Bayer Crop Science und Syngenta produziert werden.

UPDATE: Aktuelle Informationen zum Forschungsstand zu Neonicotinoiden und der Haltung der Politik hier: Neonicotinoide

Zwei neue Studien beschäftigen sich mit den Gefahren für Bienen und Hummeln. Über die Neonicotinoide berichtete ich schon früher, nun gibt es Beweise für damalige Vermutungen und Neuigkeiten.

Was sind Neonicotinoide?

Neonicotinoide sind eine Substanzklasse, die Pflanzenschädlinge abtöten. Zu den Neonicotinoiden zählt das populäre Imidacloprid und das Thiamethoxam. Beide sind wasserlöslich und werden mit dem Wasser aus den Wurzeln in der Pflanze verteilt. Insekten, die an der Pflanze knabbern (Raupen, Käfer), an ihr saugen (Läuse, Wanzen) oder eben Pollen sammeln, nehmen das Gift auf.

Wie wirken Neonicotinoide im Körper?

Das Insektizid greift dabei im Nervensystem an, es wirkt als Botenstoff an Nervenzellen, indem es das körpereigene Acetylcholin simuliert (Bindung an postsynaptische ACh-Rezeptoren). Das Nervensystem erhält fehlerhafte Signale, die bei vielen Insekten zum Tod führen, nicht so aber bei Hummeln und Bienen.

Was sind die neuen Erkenntnisse?

  1. Die neue Studie an Bienen [1] beweist, was in 2011 noch eine Vermutung war: Ihr Orientierungssinn wird stark beeinträchtigt, so dass die Tiere in vielen Fällen nicht mehr zum Nest zurückfinden und dadurch gehäuft sterben (es kommt auch zu unkoordinierten Muskelbewegungen, die einen Rückflug selbst bei vorhandener Orientierung verhindern). Im Experiment fanden 43% der Tiere den Weg nicht zurück, normal sind 17%.
  2. Da Hummeln ebenfalls Acetylcholin als Botenstoff einsetzen, sind die Ergebnisse prinzipiell übertragbar.Tatsächlich haben auch Hummeln Einbußen zu beklagen, die Staaten entwickelten sich schlechter. Das Gewicht (ein Maß für die Zahl der Nachkommen und die Menge des Vorrats) war zwischen acht und zwölf Prozent geringer [2]. Viel wichtiger war aber die Zahl der Königinnen, die um 83% zurück ging. Bei den untersuchten 75 Hummelvölkern erzeugten die Kontroll-Staaten ohne Neonicotinoide im Schnitt 13,72 Königinnen, die belasteten Staaten nur 2 bis 1,4 (je nach Neonicotionid-Konzentration). Da die Hummelköniginnen die einzigen Tiere sind, die überwintern, ist dieser Verlust besonders schlimm.

Fazit

Wirklich schlimm sind die Zahlen bzgl. der Produktion von Hummelköniginnen.

Dramatische Verluste an Königinnen können also die Ursache in dem Pestizideinsatz haben – der Rückgang der Hummelarten ist also massiv der intensiven Landwirtschaft anzulasten. Beachtet man, dass sich das Insektizid im Boden sehr lange hält (nach drei Jahren war etwa die Hälfte abgebaut. Unter UV-Licht ist nach etwa 1 Monat noch die Hälfte da), so dass auch noch im Folgejahr Pflanzen das Insektizid aufnehmen, dürfte für wild lebende Hummelstaaten der Pestizideinsatz noch katastrophaler sein als im Versuch.

Dem Fazit von Goulson schließe ich mich an (ich hatte schon in 2011 zur Unterschrift aufgerufen):

“People have asked me to sign petitions to ban or limit the use of the neonicotinoids for some time, but I never did because I really didn’t know if they were having a major impact on the bees. [...] After seeing what we and the others found, I’m much more inclined to sign.”
Northwest Herald

In den USA wurde übrigens prompt eine Petition bei der Umweltschutzbehörde EPA eingereicht. Diese prüft nun – und wird 2018 (!) zu einer Entscheidung kommen.

Einordnung der Bienenstudie: Was mich stutzig macht

Experten gehen davon aus, dass die Bienenstudie im Unterschied zur Hummelstudie das Bienensterben gar nicht erklären kann. So lässt sich Werner von der Ohe, Leiter des Bieneninstituts in Celle, in der Süddeutschen Zeitung so zitieren:

Mit dem Bienensterben in Deutschland hätten die Studien allerdings kaum etwas zu tun. „Die Autoren haben Verluste während der Sommermonate untersucht. Unser größtes Problem sind aber die Verluste im Winter, wenn die Bienen ohnehin nicht zur Futtersuche ausfliegen.“
Süddeutsche Zeitung, 30.03.2012

Beide Studien werden zur Meinungsmache genutzt, was der Wissenschaftlichkeit leider abträglich ist. Oder meinen Sie, es ist ein Zufall, dass beide Studien jetzt zeitgleich erschienen sind, wo just in diesen Wochen auf den Äckern mit Neonicotinoiden behandeltes Saatgut ausgebracht werden wird?

Imker springen – obwohl die Begrenztheit der Studie für die Bienen deutlich geworden ist (s.o.) – auf den Zug auf: Sie berichten von Verlusten an Bienenstaaten über den Winter, wohl auch, um einen Zusammenhang herzustellen.

Die dabei genannten Zahlen haben mich auch stutzig gemacht. So heißt es [3], dass in diesem Winter 300.000 Staaten zu Grunde gegangen sind. Schon im Winter 2009/10 sollen 200.000 Staaten gestorben sein [4], auch im Winter 2010/2011 sollen 15% der Völker gestorben sein [5], innerhalb von drei Jahren also mehr als eine halbe Millionen Bienenstaaten, eine für meine Vorstellung sehr, sehr große Zahl.

Blickt man dann auf die Schätzwerte des Deutschen Imkerbunds [6] über die existierende Zahl an Bienenstaaten, so sind seit etwa dem Jahr 2000 (nach einer anderen Statistik des Deutschen Imkerbunds seit 2008) die Zahl der Bienenstaaten interessanterweise stabil, es müssten also im Verlauf dieser drei Jahre eine halbe Millionen Bienenstaaten wieder dazukommen, was wohl eher unter optimalen Verhältnissen geht. In beiden Statistiken gibt es demnach in Deutschland etwa 800.000 Bienenstaaten – ein Verlust von 500.000 Staaten in drei Jahren wäre da dramatisch. Stimmen also die Zahlen mit den Verlusten über den Winter?

Meiner Ansicht nach versucht man letztlich hier, Aufmerksamkeit auf die Imkerei zu ziehen. Dagegen ist nichts einzuwenden, ich befürworte auch das Verbot der Neonicotinoide (s.o.). Allerdings verschweigen die Imker, dass ihre größten Probleme durch die Varroa Milbe kommen – und nicht vom Pestizid.

Dieses gilt aber nicht für die Hummeln, Neonicotinoide sollte zu Gunsten der Hummeln verboten werden.

Quellen

[1]: Henry M, Beguin M, Requier F, Rollin O, Odoux J-F, Aupinel P, Aptel J, Tchamitchian S, Decourtye A, 2012. A Common Pesticide Decreases Foraging Success and Survival in Honey Bees. In: Science, 2012 [DOI:10.1126/science.1215039]. Zurück…
[2]: Whitehorn PR, O’Connor S, Wackers FL, Goulson D, 2012. Neonicotinoid Pesticide Reduces Bumble Bee Colony Growth and Queen Production. In: Science, 2012, [DOI:10.1126/science.1215025]. Zurück…
[3]: Pressemitteilung der “Arbeitsgemeinschaft der Institute für Bienenforschung e.V.”. Zurück…
[4]: Bericht Deutschlandfunk vom 10.08.2010. Zurück…
[5]: Artikel Welt online vom 25.01.2011. Zurück…
[6]: Deutscher Imkerbund. Zurück…

 
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Bislang 2 Kommentare.


Autor: Cornel van Bebber | Datum: 2. April 2012 - 16:08 Uhr | Update: 28. März 2013 - 19:41 Uhr | Kategorie: Biologie der Hummeln, Hummelschutz | Schlüsselwörter: , , , , , , , , , , , , | Kommentare: 2 | Lizenz: Creative Commons: Ich stelle diesen Artikel unter die Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 3.0. Es ist gestattet, diese Nachrichten zu nichtkommerziellen Zwecken ohne Änderungen und unter Nennung des Urhebers weiterzuverbreiten. Dazu gehört auch die Einbindung in eigene Web-Seiten. So erfüllt man die Lizenz (Code zum Kopieren): van Bebber C, 2014: <a href="http://aktion-hummelschutz.de/neonicotinoide-neue-studie-sorgt-fur-aufregung/" title="Neonicotinoide: Neue Studie sorgt für Aufregung" target="_blank">Neonicotinoide: Neue Studie sorgt für Aufregung</a>. Lizenz: <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/" target="_blank">CC BY-NC-ND 3.0</a>

Autor: Cornel van Bebber
Autor und Administrator dieser Seiten seit 1998. Rheinländer, Studium Chemie und Biologie. Entdeckte die Hummeln durch das Hummelbuch von v. Hagen. Mehr zur Entstehungsgeschichte dieser Seite. Google+: Cornel van Bebber
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2 Kommentare

  1. Martin

    Sind schon deprimierende Zahlen. Vor allem wenn man dann auch noch liest, dass das Imidacloprid bei Raps und Sonnenblumen – also beliebten Massentrachten – eingesetzt wird und im Hausgarten bspw. für die Bekämpfung von Läusen zugelassen ist!

    Mich würde interessieren, ob die Größe der Hummeln einen Einfluss hat. Die Untersuchungen wurden ja an der Dunklen Erdhummel durchgeführt. Nicht auszudenken, wenn bei den kleineren Arten die “Toleranzgrenze” für das Gift noch niedriger liegt…

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  2. Christian Vetters

    Die Imker nutzen das unglaublich große Fortpflanzungspotenzial der Biene, um diese Verluste auszugleichen. Ich persönlich werde meine Völkerzahl durch Ablegerbildung in der kommenden Saison fast verdoppeln. Wenn ich im nächsten Winter starke Verluste hätte, kann ich sie so ausgleichen – wenn sich die Verluste in Grenzen halten, verkaufe ich Völker an Imker, die weniger Glück hatten. Solange wir das schaffen, können wir einen Vorsprung halten. Doch wie lange noch ?

    Sicher ist die Varroa eines der Hauptprobleme. Bzw. die Krankheiten (Viren, Bakterien), die durch die Milbe übertragen werden. Zusätzlich ist der Bien (das Bienenvolk) durch den Befall auch noch in seiner Abwehrkraft gegen diese Krankheiten geschwächt. Wenn nun die Winterbrut auch noch mit Bienenbrot (eingelagertem Pollen), der mit Neonicotinoiden belastet ist, gefüttert wird kommt ein weiterer Faktor, der die Tiere schwächt hinzu. Der Bien hat viele Feinde in der Natur, mit denen er fertig wird. Das hat er in Millionen Jahren bewiesen. Wir haben der westlichen Honigbiene die Varroa beschert. Und nun vergiften wir sie noch mit Nervengift. Und die Welt wundert sich , dass es immer weniger werden…

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