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Hummeln

Silphie besser als Mais?

Eine Mooshummel

Die Becherpflanze oder Durchwachsene Silphie. Auf der Blüte freuen sich drei Honigbienen über das Nektar- und Pollenangebot. Foto Tasty Tasty Tasty Cup Flower von orchidgalore via flickr unter CC-Lizenz (BY 2.0)..

[Update 7.8.2014:] Die Silphie lässt sich mittlerweile auch aussähen (Quelle).[/Update]

Die Becherpflanze „Durchwachsene Silphie“ (Silphium perfoliatum) ist in den vergangenen Jahren als sog. Energiepflanze zur Hoffnung all derer geworden, die sich um eine „Vermaisung“ der Kulturlandschaft sorgen.

Hauptsächlich mit Mais werden die Biogasanlagen betrieben. Der gehäckselte Mais wird zur Gärung mit Thiobakterien versetzt, die daraus Methangas erzeugen. Das Gas wird in Generatoren anschließend zur Stromerzeugung verbrannt.

Das Problem: Die „Vermaisung“ der Landschaft

Tatsächlich hat sich der Anbau von Energiepflanzen weiter erhöht. In 2012 wuchsen auf 18% der Ackerflächen in Deutschland solche Pflanzen, das sind 962.000 ha (zum Vgl.: 2005: 70.000ha). Davon sind 810.000 ha mit dem Mais bepflanzt [1]. Beachtet man, dass Mais in erster Linie als Viehfutter angebaut wird (in 2011 zu 72%, [2]), heißt das, dass es weit mehr als die o.g. 962.000ha sind, die mit Mais bepflanzt sind. In 2011 waren es sogar 2,3 Millionen Hektar [3].

Ökologisch ist das problematisch, viele Landwirte nutzen zum Anbau ehemals stillgelegte Flächen (z.B. Wiesen). Daneben muss der Mais mit sehr hohen Düngergaben hochgepäppelt werden, der überflüssige Dünger wird dann im Herbst und Winter, wenn der Boden offen liegt, ins Grundwasser gewaschen.

Hummeln und Bienen können den Mais nicht nutzen, 2,3 Millionen Hektar sind für diese Tiere wie eine Wüste (und das führt zur Trennung ganzer Populationen, siehe hier).

Der Hoffnungsträger: Die Durchwachsene Silphie

Die Becherpflanze „Silphie“ sollte hier nun Abhilfe schaffen. Sie blüht spät und lange, wenn es andernorts nur noch wenig Nektar gibt. Dabei liefert sie den Hummeln und Bienen große Mengen an Pollen und Nektar.

Außerdem wird sie nur einmal ausgepflanzt und dann 10 – 15 Jahre lang geerntet. Im ersten Jahr macht Silphie aber viel Arbeit: Sie muss als Jungpflanze von Hand gesetzt werden, aufkommendes Unkraut muss ausgerissen werden.

Ab dem zweiten Jahr verdrängt die Silphie aber das Unkraut, ihre Wurzeln wirken der Bodenerosion entgegen. Wasser braucht sie im Vergleich zu Mais extrem wenig: 350 – 400mm reichen pro Jahr [7].
Man könnte also sagen: Einmal arbeiten, 15 Jahre lang ernten. Warum sieht man die Silphie dann nicht häufiger auf den Felder?

Die Erfahrungen in 2012

Viele, wenn nicht die überwiegende Mehrzahl der Landwirte werden in der Presse zufrieden zitiert, z.B. „Die ersten Erfahrungen stimmen mich wirklich zuversichtlich“ [6].

Der Trockenmassegehalt ist mit 30% sehr hoch und übertrifft in manchen Feldversuchen den von Mais. Aber: Für das Auspflanzen der Setzlinge – und pro Acker wurden in den Berichten zwischen 40.000 und 110.000 Setzlinge gepflanzt – gibt es keine Maschinen, hier ist Handarbeit gefragt [siehe auch 13]. Jede Pflanze kostet zwischen 10 und 18 Cent [5, 8]. Auch das Unkrautjäten ist Handarbeit.

Während dies die zu erwarteten Probleme waren, gab es in 2012 auch unerwartete Nachteile. Sie bringt nur 65% der Methanausbeute im Vergleich zum Mais. Das dürfte dazu führen, dass die Silphie nicht so schnell den Mais ersetzen kann:

„Ein Landwirt wird sich immer fragen, mit wie viel Fläche er sein Produktionsziel am schnellsten erreichen kann und da liegt der Silomais immer noch vorne. Klar wirtschaften Bauern danach, wie viel Strom hinten für ihren Motor rauskommt.“ [9]

Ganz so unproblematisch entwickelte sich die Pflanze dann für zwei Landwirte auch nicht.

„Die Durchwachsene Silphie präsentierte sich auf den beiden Standorten recht unterschiedlich. Während sie in Rockstedt im zweiten Jahr sehr gut stand, war der dreijährige Bestand in Werlte in die Knie gegangen. Frerich Wilken von der Landwirtschaftskammer: „Wir wissen nicht, was die Ursache hierfür ist.“ [10]

„Doch zu Rodewalds Unmut zeigten sich die Blätter der Tage zuvor noch prächtig stehenden Durchwachsenen Silphie nun an vielen Stellen vertrocknet.
Weil das Frühjahr so trocken war, beregnete Rodewald das Feld dreimal. Obwohl die Staude eigentlich mit Trockenheit eher umgehen können soll als Mais. Warum der auf dem Nachbarfeld aber nun bestens dasteht, während die Silphie schlapp macht, ist dem Landwirt noch ein Rätsel…“ [11]

Dazu kommen noch unerwartete Geruchsprobleme für die Anwohner: Die Silphie ist bei der Ernte realtiv feucht, so dass sich bei der Silage schlecht riechende Gase bilden. Die Abhilfe soll ausgerechnet Mais bieten. Er ist trockener und soll dann mit der Silphie gemischt werden [9].

Und der Inhalt der Biogasanlagen scheint sogar ein Problem für die Natur zu sein. „Im Landkreis Rottal-Inn waren am 25. April auf Grund eines Bedienungsfehlers 20 Kubikmeter Gärsubstrat in den nahen Fluss Bina geflossen.“ In Pilsach und Leitgraben starben daraufhin Fische. [12]

Und für die Bienen und Hummeln?

Ausgesprochen positiv waren die Erfahrungen als sog. Trachtpflanze, also als Nahrungsquelle für Bienen und Hummeln. Ein Imker erzielte 150kg / ha Honig [14], ein Journalist beschreibt, dass sich „bis zu fünf Bienen auf einer Blüte tummeln“ [15].

Ausblick

Es sind weitere, deutliche züchterische Erfolge von Nöten, damit die Silphie in Bezug auf die Methangasausbeute konkurrenzfähiger zu Mais wird. Dieser Schritt dürfte aber Jahre dauern. Dass nun erstmals auch Saatgut angeboten werden kann ist aber ein sehr großer Schritt. Hier können die Saatguthersteller sehr stolz sein. Dennoch erwarte ich für die kommenden Jahre nicht, dass die Silphie die „Vermaisung“ aufhalten könnte.

Hinweis zu den Quellen

Für diesen Artikel habe ich alle via Google News verfügbaren Artikel zur Silphie seit Januar 2012 bis heute gelesen und die interessantesten hier verlinkt. Es ist davon auszugehen, dass die Artikel mit der Zeit von den Servern der Medien verschwinden, so dass die Links nicht mehr funktionieren. Ich bitte das zu entschuldigen. Funktioniert haben alle Links noch Mitte Oktober 2012.

Verwendete Quellen

[1] http://www.bio-energie.de/service/pressecenter/news-und-presse/aktuelle-nachricht/archive/2012/august/article/anbau-nachwachsender-rohstoffe-2012-auf-25-millionen-hektar/
[2] http://www.bio-energie.de/uploads/media/RZ_FNR_0064_Maisgrafik_300_rgb_neu.jpg
[3] http://www.focus.de/wissen/klima/tid-22690/forschung-und-technik-energie-aus-mais-vernichtende-umweltbilanz_aid_637770.html
[4] http://www.suedkurier.de/region/linzgau-zollern-alb/ostrach/Lieber-Becherpflanze-als-Silomais;art372569,5519409
[5] http://www.swp.de/ulm/nachrichten/suedwestumschau/BIOGAS-Der-Maisersatz-blueht-gelb;art4319,1475338
[6] http://www.nachrichten.at/oberoesterreich/steyr/art68,895353
[7] http://erfurt.thueringer-allgemeine.de/web/lokal/wirtschaft/detail/-/specific/Erfurter-Silphie-erobert-die-Welt-1229180102
[8] http://www.kreiszeitung.de/nachrichten/landkreis-diepholz/lemfoerde/durchwachsene-silphie-eine-alternative-mais-2501912.html
[9] http://www.schwaebische.de/region/oberschwaben/aulendorf/stadtnachrichten-aulendorf_artikel,-Bluehpflanzen-schwaecheln-bei-der-Gasausbeute-_arid,5315106.html
[10] http://landundforst.agrarheute.com/feldtage-528187
[11] http://www.kreiszeitung.de/nachrichten/landkreis-sfa/rethem/durchwachsene-erfahrungen-1352033.html
[12] http://www.nordbayern.de/region/neumarkt/mist-und-gulle-werden-zu-energie-und-dunger-1.2042295
[13] Eine Firma will es in 2012 erstmals geschafft haben, Saatgut von der Pflanze zu züchten. 500kg habe man erzeugt, in 2013 soll es ein Vielfaches sein. Die Aussat ist natürlich wesentlich leichter als das Auspflanzen. http://www.tlz.de/startseite/detail/-/specific/Ein-Preis-fuer-Silphie-Erfurter-Biomasse-Projekt-ausgezeichnet-1254936507
[14] http://www.lokalkompass.de/ennepetal/politik/bioenergie-ldurchwachsene-silphier-als-ersatz-pflanze-fuer-mais-d202444.html
[15] http://www.haller-kreisblatt.de/hk-templates/nachrichtendetails/datum/2012/08/24/dem-mais-droht-huebsche-konkurrenz/


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Autor: Cornel van Bebber | Datum: 28. Oktober 2012 - 06:09 Uhr | Update: 10. Februar 2016 - 18:26 Uhr | Kategorie: Hummelschutz, Trachtpflanzen | Schlüsselwörter: , , , , , , , , , , , , , , | Kommentare: 2

Autor: Cornel van Bebber
Autor und Administrator dieser Seiten seit 1998. Rheinländer, Studium Chemie und Biologie. Entdeckte die Hummeln durch das Hummelbuch von v. Hagen. Mehr zur Entstehungsgeschichte dieser Seite. Google+: Cornel van Bebber
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2 Kommentare

  1. Wolfgang Vocilka | | Link zum Kommentar

    Moin moin aus dem hohen Norden Herr van Bebber,

    Ihre Seite gefällt mir sehr! Meine Freundin und ich imkern in Bad Bramstedt (liegt nördlich von Hamburg. Wir sind Mitglieder im dortigen Imkerverein aber auch Mitglieder im Imkerverein Bad Bramstedt, deren Webseite ich mit betreue (hie undda schreibe ich Artikel). Im Verein sind wir auch von der Silphie begeistert.

    Wir haben uns unter anderem ebenfalls über Wildbienen mittels einem Vortrag informieren lassen. Meine Freundin und ich beschäftigen uns auch mit dem Bau von Hummelnistmöglichkeiten, da uns diese pussierlichen Brumerchen, wie eunsere Bienen, als Bestäuber unserer Obstbäume und Gemüse begleiten.

    Gerne würde ich einen Artikel über Hummeln für unsere Website vorbereiten und auch einen Link zu Ihrer Homepage legen. Hätten Sie etwas dagegen?

    Mit herzlichen Grüßen, Wolfgang Vocilka


     
    • Cornel van Bebber | | Link zum Kommentar

      Hallo Herr Vocilka,

      sie können Nachrichtentexte wie diesen oben gerne nutzen, sogar komplett einbetten. Nutzen Sie dazu den obigen Code.

      Andere Seiten dürfen Sie nicht einbetten, aber natürlich jederzeit verlinken. Und ich freue mich, dass Sie einen Artikel über Hummeln schreiben möchten und dadurch dazu beitragen, dass unser Anliegen bei den Profis aus der Imkerei ankommt. Hoffentlich sehen diese in den Hummeln nicht nur Konkurrenten der Bienen.

      Viel Erfolg!


       

Pings:

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