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Hummeln

„Unrealistisches Szenario!“ – Ministerium von Ilse Aigner antwortet mir

Brief eines Mitarbeiters Aigners.

Ein Mitarbeiter von Ilse Aigner hat mir auf meine Anfrage zur Beurteilung der Gefahr durch Neonicotinoide, die auf abgeordnetenwatch.de (05.04.2012) nachgelesen werden kann, geantwortet.

Worum ging’s?

In der Anfrage bezog ich mich auf zwei Studien [1], die den Einfluss der Neonicotinoide auf Hummeln und Bienen untersuchten und die weltweit für Aufmerksamkeit gesorgt haben. Ein Ergebnis (hier zusammengefasst) war beispielsweise, dass Hummeln 83% (!) weniger Hummelköniginnen produzierten, was einem Aussterben der Tiere gleichkommt, wenn man bedenkt, dass von den produzierten Königinnen nur etwa 3% auch erfolgreich im Frühjahr einen Staat gründen – da bleibt nicht mehr viel übrig.

Es wird noch nicht einmal über eine Neubewertung nachgedacht

Der Mitarbeiter, der sich auf eine Einschätzung des für das Ministerium zuständigen Julius-Kühn-Instituts stützt – schreibt:

Die [Ergebnisse der angeführten Studien weisen] grundsätzlich auf ein potenzielles Risiko für Honigbienen und Hummeln unter bestimmten Worst-Case-Bedingungen [hin]. Diese Bedingungen sind vor dem Hintergrund der wissenschaftlichen Erkentnisse hinsichtlich der Expositionsdauer (Untersuchungen zu Hummeln) bzw. -höhe (Untersuchungen zu Honigbienen) als wenig realistisch zu bewerten.

Die von Ihnen angeführte Studie kann jedoch nicht als Indiz oder gar als Beleg für einen Zusammenhang zwischen der Schädigung von Bienenvölkern bzw. Hummeln und deren Anwendung von Neonicotinoiden unter den für Deutschland geltenden Anwendungsbestimmungen angesehen werden. Es wird daher keine Notwendigkeit gesehen Wirkstoffe aus der Gruppe der Neonicotinoide grundsätzlich neu zu bewerten.

Man geht also davon aus, dass die Wissenschaftler die Studie einfach falsch durchgeführt haben. Dave Goulson, der Leiter der Hummelstudie, ist aber kein Nobody, sondern renommierter Wissenschaftler. Beispielsweise ist sein Buch über Hummeln ein Standardwerk und wurde seit 2010 in mehr als 300 wissenschaftlichen Artikeln zitiert, alleine in 2012 hat er bislang 47 Fachartikel publiziert!

Sind die Studien falsch, wie das Ministerium behauptet?

Die Wahrheit ist: Die Studien sind richtig durchgeführt worden, die Argumentation des Ministeriums und des Julius-Kühn-Instituts sind schlicht falsch, diesen Beweis führe ich mit der Arbeit:

D. Goulson zur Expositionskonzentration in [1]:

We exposed colonies of the bumble bee Bombus terrestris in
the lab to field-realistic levels of the neonicotinoid imidacloprid, then allowed them to develop naturally under field conditions.

Zur Abschätzung der exakten Konzentrationen nutzte Goulson die Ergebnisse von vier  wissenschaftlichen Arbeiten, die Auskunft über die Menge des Gifts in Pollen und Nektar gaben, sowie die Dauer aufzeigten, die Hummeln dem Gift ausgesetzt sind:

Imidacloprid spreads to the nectar and pollen of flowering crops, typically at concentrations ranging from 0.7-10μg/kg (4, 5). Thus bee colonies in agroecosystems will be exposed to 2-4 week pulses of exposure to neonicotinoids during the flowering period of crops (6).
[Literaturangaben beziehen sich auf den Originalartikel]

Und das übersetzte er im Experiment:

Control colonies received ad lib pollen and nectar over a period of 14 days in the laboratory. Over the same period, colonies in the ‘low’ treatment were fed pollen and sugar water containing 6μg/kg and 0.7μg/kg imidacloprid respectively, representing the level found in seedtreated rape (13). The ‘high’ treatment colonies received double these doses, still close to the field-realistic range.

Er bewegte sich, was die Expositionsdauer anging, mit dem Versuch also sogar am unteren Ende der realen Gefahr, sein Experiment war mitnichten eine – wie das Ministerium schreibt – „Worst-Case-Bedingung“. Auch die Konzentrationen entsprachen denen, die man schon im Raps gefunden hatte!

Beurteilung

Es ist mir vollkommen unklar, wie das Julius-Kühn-Institut zu der Feststellung gelangen konnte, die Studie wäre unter unrealisitische Bedingungen abgelaufen. Die Argumentation, es gäbe unrealistische Annahmen, ist falsch. Die Entscheidung des Ministeriums, die Gefährdungsbeurteilung nicht zu überprüfen, ist ein sehr schlimmer Fehler. Sie hilft nur einem: Dem Bayer-Konzern!

Erst letzte Woche wies eine Studie in Österreich Neonicotinoide im Pollen nach, auch hier verendeten Tiere.

Frau Aigner: Nicht die Studie schafft ein Worst-Case-Szenario! Durch Ihre Untätigkeit schaffen Sie es selbst!

Literatur & Originalbrief des Ministeriums

1: Whitehorn PR, O’Connor S, Wackers FL, Goulson D, 2012. Neonicotinoid Pesticide Reduces Bumble Bee Colony Growth and Queen Production. In: Science, 2012, [DOI:10.1126/science.1215025] PDF der Studie

Brief des Ministeriums als Bilddatei:

Seite 1

Seite 2

 


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Autor: Cornel van Bebber | Datum: 23. Mai 2012 - 00:00 Uhr | Update: 8. Februar 2014 - 10:56 Uhr | Kategorie: Hummelschutz | Schlüsselwörter: , , , , , , , , , , | Kommentare: 7

Autor: Cornel van Bebber
Autor und Administrator dieser Seiten seit 1998. Rheinländer, Studium Chemie und Biologie. Entdeckte die Hummeln durch das Hummelbuch von v. Hagen. Mehr zur Entstehungsgeschichte dieser Seite. Google+: Cornel van Bebber
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7 Kommentare

  1. Martin | | Link zum Kommentar

    Du hast also tatsächlich eine Antwort bekommen. Dass sie nicht gefallen würde, war allerdings vorher schon klar.

    Wirst du Prof. Goulson diesbezüglich schreiben? Das dürfte ihn doch sicher interessieren, wie seine Ergebnisse aufgenommen werden. „Wenig realistisch“ ist ja fast schon eine Beleidigung.

    Antworten
     
    • Cornel van Bebber | | Link zum Kommentar

      Ja, mindestens „Beleidigung“. Er hat seine Arbeit nicht in einer x-beliebigen Zeitschrift veröffentlicht, sondern in der „Science“. Die prüft solche Arbeiten gerade auf diese elementaren Aspekte vor der Veröffentlichung. Ich empfinde es als Dreistigkeit, die beteiligten Wissenschaftler als inkompetent darzustellen und die Einschätzung des eigenen Instituts als das non plus ultra zu präsentieren.

      Eigentlich wollte ich ihn nicht anschreiben, was soll er schon machen, auch seine Antwort ist klar, weil er ja bereits in der Studie auf diesen zu erwartenden Vorwurf eingegangen ist.

      Antworten
       
      • Martin | | Link zum Kommentar

        Ich finde halt, ihn dürfte schon interessieren, wie von den „Entscheidungsträgern“ mit seiner Studie umgegangen wird. An deren Adresse ging es ja sicher erstrangig.

        Ob du beim Umweltministerium vielleicht mehr erreicht hättest?
        Scherzfrage. Natürlich auch nicht.

        Antworten
         
  2. Bago | | Link zum Kommentar

    Spätestens wenn alle seltenen Hummelarten aus NRW verschwunden sind und auch die Bienen ausbleiben, hat man gelernt was man davon hat…

    Antworten
     
  3. Dr.med.Jörn Pankow | | Link zum Kommentar

    vor vielen Jahren hat sich Bayer mit der Dünnsäureverklappung in der Nordsee an der Umwelt und dem am Ende der Nahrungskette stehenden Menschen vergangen. Nicht nur Hummeln und Bienen, sondern auch Mulusken, viele Singvögel und letzlich wieder der Mensch werden durch Neonicotinoide systematisch vergiftet. Gern würde ich Euren Kampf gegen das Insektengift unterstützen. Nur wie?
    Gruß Jörn

    Antworten
     

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