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Hummeln

Welche Gefahr geht von neuartigen Pestiziden aus?

Tote Bestäuberin.

Weltweit beobachten Imker, dass ihre Bienen sterben. Auch der Rückgang der Hummelpopulationen lässt sich belegen (UN-Studie oder [1]), und viele Wissenschaftler fragen nach den Ursachen, Regierungen finanzieren weltweit Untersuchungen. Nachdem man früher davon ausging, dass die Varroa-Milbe bei Bienen für das Sterben verantwortlich ist, glaubt man mittlerweile nicht mehr an einen großen Einfluss, schließlich betreffen die Milben nicht die Hummeln, die aber trotzdem weniger werden. Während bei Hummeln der wichtigste Grund für den Rückgang der Verlust des Lebensraums ist, kam man bei Hummeln und Bienen aber auch auf einen weiteren Aspekt: Der Einfluss der sog. Neonicotinoide ist wohl viel größer als angenommen, so dass sich die Gesellschaft Deutscher Chemiker [2] auch damit beschäftigt.

Lights out
Welchen Einfluss haben Neonicotinoide auf das Sterben von
Bestäubern? Eine Chemikerzeitung berichtet sachlich darüber.
Das Foto Lights out von aussiegall steht unter Foto unter Creative Commons License-Lizenz.

Neonicotinoide sind neuartige Pestizide, die eigentlich sicher und bienenfreundlicher sein sollten. Einer der größten Produzenten ist die Bayer AG. Neonicotinoide werden auf das Saatgut aufgebracht, bei später an den Pflanzen knabbernden Schädlingen versagt dann das Nervensystem. Neonicotinoide werden von den wachsenden Pflanzen aufgenommen und simulieren dort das Acetylcholin, einen natürlichen Botenstoff der Schädlinge, der für die Informationsübertragung zwischen zwei Nervenzellen verantwortlich ist. Nimmt ein Schädling über den Fraß das Neonicotinoid auf, kommt es bei ihm zur Übermittlung sinnloser Signale zwischen den Nervenzellen und sein Nervensystem bricht zusammen.

Die Rolle der Neonicotinoide für das Bienensterben wird sehr kontrovers diskutiert.

Naturschützer gehen davon aus, dass Bienen und Hummeln dieses Gift über den Pollen aufnehmen könnten. Sie „vertragen“ aber mehr von dem Gift als die Schädlinge und sterben nicht unbedingt sofort. Allerdings wirkt die geringe Giftmenge dennoch auf das Nervensystem ein, so dass die Orientierung der Tiere gestört ist und sie nicht mehr zum Nest zurück finden. Sie sterben dann in der Natur.

Dem steht gegenüber, dass ein Verbot des Gifts 1999 in Frankreich – und mit einer Petition wird dieses Verbot nun europaweit gefordert – nicht zu signifikant weniger Bienensterben geführt hat. Bei Hummeln fand man vielmehr, dass Hummelpopulationen, die zurück gingen, genetisch verarmt waren und damit anfälliger beispw. für Parasiten waren. In einer Studie waren alle betroffenen Hummelpopulationen tatsächlich stärker von Nosema, einem parasitären Pilz, befallen. Hier war wohl das Pestizid nicht Schuld am Populationsrückgang.

Eigenartig ist nun aber, dass Neonicotinoide zusammen mit einer Nosema-Infektion viel bei Bienen öfter tödlich wirkten. In dieser Studie entschieden sich die Wissenschaftler durchaus für eine tödliche Wirkung des Neonicotinoids bei den Insekten. Sie vermuten, dass der Pilz einen so großen Energiebedarf hat, dass die Insekten häufiger zum Sammeln ausfliegen und dadurch mehr Gifte aufnehmen als Artgenossen, die nicht von dem Pilz betroffen sind.

Während für Naturschützer und Imker die tödliche Wirkung der Neonicotinoide also erwiesen ist, bleibt es für andere dabei, dass nicht die Neonicotinoide, sondern andere ungünstige Einflüsse die Tiere schwächen und töten.

[1]: Cameron SA, Loziera JD, Strange JP. PNAS 2011, 108, 662
[2]: Groß M: Keine Ernte ohne Bestäuber. In: Nachrichten aus der Chemie, 6/2011, 629-631. Diese Publikation ist eigentlich kostenpflichtig, allerdings gibt es das Dokument hier auch als Download.


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Autor: Cornel van Bebber | Datum: 10. Juli 2011 - 17:21 Uhr | Update: 26. August 2011 - 20:46 Uhr | Kategorie: Biologie der Hummeln, Hummelschutz | Schlüsselwörter: , , , , , | Kommentare: 0

Autor: Cornel van Bebber
Autor und Administrator dieser Seiten seit 1998. Rheinländer, Studium Chemie und Biologie. Entdeckte die Hummeln durch das Hummelbuch von v. Hagen. Mehr zur Entstehungsgeschichte dieser Seite. Google+: Cornel van Bebber
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