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Hummeln

Zusammenfassung: Trends in der Pestizidproblematik

Eine Sonnenblume, die von zwei Erdhummeln besucht wird. U. a. geht es in diesem Artikel um Sonnenblumen, deren Saatgut ab dem 1.3. nicht mehr mit Fiprinol, einem gefährlichen Insektizid, behandelt werden darf. Foto: Willi Hennebrüder BUND Lemgo.

Diese Sonnenblume aus 2013 dürfte zur Freude der beiden Erdhummeln nicht mit Fiprinol behandelt worden sein, denn diese Sonnenblume gehörte Willi Hennebrüder vom BUND Lemgo, der mit das Foto zur Verfügung gestellt hat. Bis zum 1.3. diesen Jahres dufte aber Saatgut mit Fiprinol, einem gefährlichen Insektizid, behandelt werden. Hummeln wachsen dadurch nicht mehr richtig, das Volk wird erheblich geschwächt.

Dieser Artikel fasst Informationen (von Juli 2013 bis heute) zu verschiedenen Insektiziden, die problematisch für Hummeln sind, zusammen.

Es geht um

  • Neonikotinoide,
  • die Folgen eines Hummel-Massensterbens in den USA,
  • um Pyrethroide, die möglichen Ersatzstoffe für die verbotenen Neonikotinoide, und
  • um Fiprinol, ein von der EU in wesentlichen Punkten verbotenes Mittel, das in Deutschland vom Landwirtschaftsminister durch einen Trick wieder zum Teil erlaubt wurde.

Inhalt

  1. Folgen: Welche Folgen hatte der vorschriftswidrige Einsatz von Neonikotinoiden?
  2. Erkenntnisse: Welche neuen Erkenntnisse gibt es zum Einsatz von Insektiziden?
  3. Was machen eigentlich die Gegner eines Neonikotinoid-Verbots?
  4. Fiprinol – das nächste Insektizid, das verboten wurde werden sollte
  5. Literatur

Welche Folgen hatte der vorschriftswidrige Einsatz von Neonikotinoiden?

Stellen Sie sich 50.000 tote Hummeln vor. Können Sie nicht?

Stellen Sie sich vor, Sie fahren zu einem Supermarkt. Sie kommen vom Einkaufen, gehen zum Auto und sehen jetzt, wie der Parkplatz über und über mit toten Hummeln bedeckt ist. Der ganze Boden ist voll, 50.000 tote Hummeln. Stellen Sie sich bitte dieses Bild vor.

Dieses Bild war nicht nur eine Vorstellung, denn dieses Phänomen war ganz real und trat im Juni vergangenen Jahres in den USA auf (Siehe auch USA: Hummeln versehentlich getötet und Hummeltod in USA: Reaktionen größer als erwartet).

Linden grenzten einen amerikanischen Supermarktparkplatz ein. Diese Linden blühten, außerdem hatten sich Blattläuse auf ihnen vermehrt und verschmierten mit dem Blattlaussekret die parkenden Autos. Der Betreiber des Parkplatzes ließ Arbeiter kommen und ein Insektizid (Wirkstoff: Neonicotinoide) verspritzen. Betroffen waren aber auch die Hummeln, die zum Nektarsammeln die Linden besuchten und rasch starben.




Ähnliche Vorfälle gab es auch an anderen Stellen, insgesamt sechs Fälle, bei der drei Firmen beteiligt waren, wurden publik.

Die Behörden verboten umgehend den Einsatz des Mittels bis zum 24.12.2013. Außerdem leiteten sie eine Untersuchung ein, daneben gab es Zivilklagen gegen die Firma, die die Insektizide verspritzt hatte, denn das Verspritzen der Chemikalie auf blühende Pflanzen war auch in den USA verboten.

Die Folgen

  • Für dieses Jahr hat der Gesetzgeber die Nutzung der Insektizide wieder erlaubt, das Verbot wurde nicht verlängert. Stattdessen verlangt er nun
    • eine entsprechende Schulung der Arbeiter im Umgang mit dem Insektizid,
    • den Einsatz spezieller Geräte zum Versprühen der Mittel und
    • ein Symbol auf der Verpackung verbunden mit einem Text, wodurch der erlaubte Einsatzrahmen beschrieben und auf die Gefahren hingewiesen wird.
  • Die Firmen müssen eine Strafe zahlen. Die Firma, die den schlimmsten Fall mit den 50.000 toten Hummeln zu verantworten hat, zahlt 555 US-$, insgesamt beläuft sich die Strafe für die sechs Fälle der drei Firmen auf 2886 US-$.

[Quellen 1, 2, 5]

Welche neuen Erkenntnisse gibt es zum Einsatz von Insektiziden?

  • Der britische Forscher Dave Goulson hat erneut eine Studie zum Einfluss von Insektiziden auf Hummeln veröffentlicht [Quelle 13 und 4]. Er konnte zeigen, dass Hummelstaaten auch deshalb weniger gut überleben, weil die Tiere wesentlich weniger Nahrung eintragen. In 40% der Fälle kamen die Hummeln mit Pollen zurück, der einzigen Proteinquelle für Hummeln. Normal sind aber 70%. Daneben fanden 1/3 der Tiere den Weg nicht mehr zurück zum Nest, eine Folge der Nervenschädigung durch das Insektizid.
  • Die EU veröffentlichte eine Studie an Ratten, nach der Neonicotinoide nicht nur für Hummeln katastrophal sind. Bei den Versuchstieren hatten die Mittel Einfluss auf die Entwicklung des Gehirns, so dass die EU befürchtet, dass Neonicotinoide auch schädlich für die Entwicklung des menschlichen Nervensystems sind [Quelle 6].
  • Da ab dem 1.12.2013 bestimmte Neonicotinoide nicht mehr verwendet werden dürfen, hat die Agroindustrie bereits nach Alternativen gesucht. Amerikanische Forscher vermuten, dass es zum vermehrten Einsatz von sog. Pyrethroiden kommt. In ihrer Studie konnten sie aber nachweisen, dass Pyrethroide ebenfalls negativ auf Hummeln wirken: sie wachsen nicht mehr und sind deutlich kleiner. Dies hat großen Einfluss auf das Sammelverhalten der Tiere, weshalb derartige Hummeln nicht mehr so viel Nahrung für den Staat sammeln können. Letzteres schwächt nicht nur den aktiven Staat. Da auch weniger Königinnen produziert werden, wird es im Folgejahr weniger Hummeln geben. [Quelle 3].
  • Neonicotinoide beeinflussen negativ das Immunsystem der Insekten. Was bislang nur eine Beobachtung war, konnten italienische Forscher nun auf molekularer Ebene beweisen. Der für die Aktivierung des Immunsystems nötige „Nuclear Factor Kappa B“ wird so verändert, dass die Immunantwort gebremst wird. Gleichzeitig kommt es zur Aktivierung von Viren. In letzter Konsequenz sind solche Tiere mit Krankheitserregern und Parasiten viel stärker belastet als normalerweise, was zum Tod des Tieres führt. Auslöser waren wieder Neonicotinoide. [Quelle 14]

Was machen eigentlich die Gegner eines Neonikotinoid-Verbots?

  • Als „Innovationsbremse“ mussten sich Umweltschützer in Österreich titulieren lassen [Quelle 7]. Auf EU-Ebene stemmte sich Österreich zunächst gegen das Neonicotinoid-Verbot und obige Formulierung trat auf. Als klar wurde, dass die Bevölkerung nichts von den Neonicotinoiden hält, mutierten die gleichen Politiker zu Gegnern der Insektizide und präsentierten sich als Vorreiter – die EU-Vorgaben seien noch zu lasch.
  • Beteiligte Firmen haben gegen die EU-Regelung geklagt. Sie argumentieren, dass es zahlreiche Ursachen für das Bienensterben geben würde, ein Beweis, dass „ihre“ Neonicotinoide daran schuld sind, sei nicht erbracht. Über die Klagen wurde noch nicht entschieden [div. Quellen, u. a. 10].
  • Überhaupt: Bienensterben? Pah! Österreichische Imker wissen es besser (?) und sind der Meinung: Es gibt überhaupt kein Bienensterben. „Mythos Bienensterben“: Heute gäbe es immer mehr Bienenstaaten und wenn es dort Verluste gäbe, wären selbst größere Einbußen „normal“ [Quelle 9].
  • Bauern jammern, dass wegen der EU-Regelung mit Ernteausfällen zu rechnen sei. Raps und Mais würden in Deutschland weniger angebaut (Alternativen wie die Silphie kennen sie wohl nicht…) [Quelle 8].

Fiprinol – das nächste Insektizid, das verboten wurde werden sollte

  • Auch Fiprinol ist ein für die Hummeln gefährliches Insektizid – das weiß auch die EU. Daher hat sie den Einsatz ab dem 1.3.2014 für 120 Tage verboten. Es wurde vor allem bei Mais- und Sonnenblumensamen eingesetzt, doch Saatgut, das in diesem Jahr im Handel ist, darf nicht mehr mit Fiprinol behandelt sein [Quelle 10].
  • Es ist aber bei Pflanzen erlaubt, die von den Tieren nicht besucht werden, weil sie beispielsweise vor der Blüte geerntet werden (z.B. Lauch).
  • Deutschland hat kurzerhand eine Notfallzulassung ermöglicht. Danach kann jeder Landwirt, der einen Notstand geltend macht, das Mittel gegen den Drahtwurm, einem Kartoffel-Schädling einsetzen – übrigens gegen den Willen der Kartoffel-Verarbeiter wie Nestlé, Agrarfrost oder Nordsee [Quellen 11 und 12].

Literatur

  1. SFGate, 24.2.2014: http://www.sfgate.com/news/science/article/Oregon-Legislature-passes-bill-to-protect-bees-5264054.php (Link existiert nicht mehr)
  2. Capital Press, 05.02.2014
  3. American Live Wire, ohne Datum
  4. TAZ, 30.01.2014
  5. Portland Tribune, 03.01.2014
  6. Fruchtportal.de, 03.01.2014
  7. Top agrar, 04.12.2013
  8. RP online, 20.08.2013
  9. Profil, 19.07.2013
  10. Spiegel Online, 05.11.2013
  11. Agrar heute, 10.02.2014
  12. Naturgeblogt, 10.02.2014
  13. Feltham H, Park K, Goulson D, 2014: Field realistic doses of pesticide imidacloprid reduce bumblebee pollen foraging efficiency. In: Ecotoxicology, 2014, 1 – 7. http://dx.doi.org/10.1007/s10646-014-1189-7
  14. Di Priscoa G, Cavaliereb V, Annosciac D, Varricchioa P, Caprioa E, Nazzic F, Gargiulob G, Pennacchioa F, 2013: Neonicotinoid clothianidin adversely affects insect immunity and promotes replication of a viral pathogen in honey bees. In: PNAS 2013, doi: 10.1073/pnas.1314923110

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Autor: Cornel van Bebber | Datum: 13. März 2014 - 03:00 Uhr | Update: 4. Mai 2014 - 09:05 Uhr | Kategorie: Biologie der Hummeln, Hummelschutz | Schlüsselwörter: , , , , | Kommentare: 1

Autor: Cornel van Bebber
Autor und Administrator dieser Seiten seit 1998. Rheinländer, Studium Chemie und Biologie. Entdeckte die Hummeln durch das Hummelbuch von v. Hagen. Mehr zur Entstehungsgeschichte dieser Seite. Google+: Cornel van Bebber
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