Hummeln Umwelt-Online-Award in Gold 2002

Hummeln

Hummelvolk: Hummelnester enthalten einen ganzen Staat

Das Foto zeigt das Nest eines Erdhummelstaats (B. lucorum). Es handelt sich um ein Volk im Nistkasten von Susanne Luft (© 2005). Das umgebende Material ist Polsterwolle, im Kern der Polsterwolle haben die Tiere eine faustgroße Höhle mit Wachs (braun) ausgekleidet, die für das Foto geöffnet wurde. Die Hülle isoliert und schützt das Nest mit seinen Zellen. © Susanne Luft

2) Hummeln sind soziale Insekten

Hummeln und Bienen sind hoch entwickelte Insekten. Sie sind so genannte soziale Insekten. Das bedeutet, dass die Tiere zusammen leben und sich die Arbeit teilen, weshalb man in der Biologie nicht von einem „Volk“, sondern von einem „Staat“ spricht. Es gibt eine Königin, der alle anderen Tiere untergeordnet sind (Vgl.: Altruismus und Egoismus und Polizeistaat macht friedlich?). Wenn dem Staat die Königin abhanden kommt, sterben alle anderen Tiere nach kurzer Zeit.

Soziale Gemeinschaften von Tieren sind vor allem bei den Insekten verbreitet, es gibt sie aber auch in anderen Tiergruppen. Man nimmt an, dass in den vergangenen rund 100 Millionen Jahren noch keine einzige Art sozialer Insekten, jedoch zahllose solitär (einzeln) lebende Insektenarten ausgestorben sind. Dadurch gelten die sozialen Insektenarten im Sinne der Evolution als sehr erfolgreich.

Die Honigbiene zeigt jedoch ein ganz anderes Verhalten als die Hummel. Während Bienenstaaten aus etwa 40.000 Tieren bestehen, schafft es ein Hummelstaat unter optimalen Laborbedingungen nur auf etwa 1% dieser Menge. Selbst diese Zahl lässt sich noch unterschreiten, denn unter natürlichen Bedingungen und unter Betrachtung der Unterschiede zwischen den einzelnen Hummelarten schafft es mancher Staat nur auf maximal 25 Tiere. Da nur etwa ein Drittel der Tiere im Nest verbleiben, dürften die meisten Nester unbemerkt bleiben: Am Eingang zum Nest ist einfach zu wenig los, als dass man einen regen Flugverkehr beobachten könnte (Normale Volksgröße bei Erdhummeln in Europa: 100 – 200. Bei Untersuchungen an amerikanischen Hummeln fand Heinrich (1979) folgende Volksgrößen (Anfang Juni): 1 Königin – 260 Arbeiterinnen – 140 neue Königinnen – 1020 Eier, Larven, Puppen). Und eben gerade weil die meisten Staaten nur so wenige Tiere aufweisen, ist es schlecht, wenn auch nur eine einzige Hummel getötet wird. Zum Vergleich: Wenn eine Firma auf einen Schlag einen Teil der Belegschaft ersatzlos verliert, schafft das für eine kleine Firma ernsthaftere Probleme als für eine große. So ist es auch bei Hummeln.

3) Die dicken Hummeln sind Königinnen

Im Frühjahr macht es immer großen Eindruck, wenn man die besonders laut brummenden und sehr großen Hummeln beobachtet, hier berichtet zum Beispiel der Express von einer „Riesenhummel“. Es ist keine Kunst festzustellen, dass es sich dabei um Königinnen handelt. Für diese Erkenntnis muss man die Hummel nämlich noch nicht einmal gesehen haben – es reicht ein Blick in den Kalender.

Denn Hummeln gründen ihren Staat in jedem Jahr neu. Während bei den Honigbienen die Königin mit vielen Arbeiterinnen überwintert, sterben bei den Hummeln alle Tiere im Herbst und Winter ab. Lediglich die so genannten Jungköniginnen überwintern und werden dann im Frühjahr zur Königin. Insofern können also alle Hummeln, die man im Frühjahr sieht, nur Hummelköniginnen sein.

Das bedeutet auch, dass man sich bewusst machen muss, dass beim Anblick einer solchen dicken Hummel hier gerade ein kompletter Staat herumfliegt. Wer eine solche Hummel tötet, vernichtet eben nicht (nur) ein einziges Tier. Er vernichtet einen ganzen Staat!

Die dicken Hummeln fallen durch ihre Statur und ihr Verhalten auf. Ihr Honigmagen ist mit Nektar noch aus dem vergangenen Jahr gefüllt. Er dient jetzt als Treibstoff und wird sparsam verbrannt. Wenn die Fettreserven und der Nektar zur Neige gehen, besucht die Hummel die Blüten in der Umgebung. Dort frisst sie auch zur Entwicklung ihrer Eierstöcke Blütenstaub. Auch aus diesem Grund sind die Exemplare besonders dick. Die Eierstöcke der Königinnen schwellen an, nun muss die Königin möglichst schnell einen Nistplatz finden, um Eier zu legen.

Dieser Prozess beginnt, wie beschrieben, im Frühjahr. Es hängt dabei von der Witterung und der Hummelart ab, in welchem Monat die Königin genau erscheint. Erdhummelköniginnen erscheinen ab März, Feldhummelköniginnen erst ab Mai.

4) Das Nest wird bezogen

Wenn eine Hummelkönigin ihren Überwinterungsplatz verlassen hat, gibt es kein Zurück mehr. Sie muss nun hoffen, dass just in dem Augenblick, wo sie das Überwintern beendet, viele Pflanzen aufblühen und Nektar und Blütenstaub zur Ernährung bieten. Außerdem muss sie in wenigen Tagen einen geeigneten Nistplatz finden. Leider steht es in vielen Regionen heutzutage in beiden Punkten nicht zum Besten.

Als Nistplatz kommen trockene, dunkle und höhlenartige Verstecke in Frage. Dabei kann es sich um verfilzte, abgestorbene Graspolster, Steinhaufen oder Mäusenester handeln. So existieren oberirdische und unterirdische Nester.

Thomas Huxley (englischer Forscher vor 100 Jahren) spielte auf die Bestäubungsleistung der Hummeln an und witzelte im Zusammenhang mit der Nistplatzwahl: „Die Existenz des britischen Empires hänge dann ja wohl vor allem von alten Jungfern ab, die bekanntlich besonders viele Katzen hielten. Und die Katzen würden Mäuse fressen, die Hummelnester zerstören.“

Tatsächlich sind Mäusebauten ideale Nistplätze. Es gibt Berichte, nach denen die Mäuse freiwillig ihren Bau verlassen, wenn sich eine Hummelkönigin für ihren Bau entschieden hat. Anscheinend reichen das drohende Brummen und der Stachel der Königin, dass die Mäuse Reißaus nehmen.

5) Die ersten Nachkommen

Das Foto zeigt das Nest eines Erdhummelstaats (B. lucorum). Es handelt sich um ein Volk im Nistkasten von Susanne Luft (© 2005). Das umgebende Material ist Polsterwolle, im Kern der Polsterwolle haben die Tiere eine faustgroße Höhle mit Wachs (braun) ausgekleidet, die für das Foto geöffnet wurde. Die Hülle isoliert und schützt das Nest mit seinen Zellen. © Susanne Luft

Das Foto zeigt das Nest eines Erdhummelstaats (B. lucorum). Es handelt sich um ein Volk im Nistkasten von Susanne Luft (© 2005). Das umgebende Material ist Polsterwolle, im Kern der Polsterwolle haben die Tiere eine faustgroße Höhle mit Wachs (braun) ausgekleidet, die für das Foto geöffnet wurde. Die Hülle isoliert und schützt das Nest mit seinen Zellen. © Susanne Luft

Die Wachszellen dienen auch der Aufbewahrung von Nahrung, also von Blütenstaub (Pollen) und Nektar. Der Nektar ist klar und wässrig. Auf dem Foto spiegelt sich das Licht an der Oberfläche, so dass es aussieht, als sei die Wachszelle mit einer Folie überzogen. Das Tier auf der rechten Seite trinkt zum Zeitpunkt des Fotos Nektar aus dem Vorratstopf. Wer genau hinsieht, erkennt den Rüssel. © Susanne Luft

Von Bienenstaaten kennen wir alle die Bilder von sorgfältig hergestellten und geordneten, exakt sechseckigen Waben. Bei Hummeln muss man sich von dieser Vorstellung trennen. Das Wachs der Tiere ist schmutzig braun, Waben existieren nicht. Stattdessen bauen die Hummeln Tönnchen, die man wohl besser als Zellen bezeichnet. Sie erfüllen aber die gleiche Funktion wie die Waben der Bienen. Hier werden Nektar und Blütenstaub gelagert.
Das Wachs entstammt „Hautdrüsen zwischen den aufeinander folgenden Segmenten sowohl der Bauch- als auch der Rückenseite des Hinterleibs“ und wird „als Schüppchen ausgeschwitzt (Honigbienen haben Wachsdrüsen nur an der Bauchseite der letzten vier Hinterleibssegmente)“ (Heinrich, 1979, S. 21).
Im neuen Nest fertigt die Königin zunächst eine Nestkugel aus Moos, Mäusehaaren, Grashalmen und anderem Material, was sich im Nest befindet. Es wird häufig mit Wachs abgedichtet und so dicht verwoben, dass es gegen kalte Nächte im Frühjahr schützt. Hin und wieder kann man auch Hummelköniginnen beobachten, die eigenes Nistmaterial eintragen. Hat man also ein Nest in der Isolierungsschicht seiner Hauswand, kann man sicher sein, dass die Hummeln dankbar das Material zerbeißen und anschließend verflechten. Insgesamt steigt auch dank des Wachses aber die Isolationsfähigkeit einer solchen Stelle eher an, als dass sie abfällt.

Bevor auch nur ein Ei gelegt wird, kommt es zu ausgiebigen Ausflügen der Königin, bei denen sie große Mengen an Nektar sammelt. Dieser wird in einem kleinen Tönnchen im Nest aufbewahrt. Maximal ein Dutzend Eier werden anschließend auf ein kleines Wachsplättchen abgelegt. Durch weiteres Wachs werden die Eier völlig eingehüllt, ein kleiner, unförmiger Wachsklumpen ist also der erste Schritt zum Staat. Nun sieht man die Königin die meiste Zeit – wie ein Vogel – brüten. Sie presst ihren Hinterleib auf die Eier und erhitzt das Nest. Mit einer besonderen Technik, der Thermoregulation erreicht der Körper der Hummel Temperaturen jenseits der 30°C, auch wenn es in der Umgebung um den Gefrierpunkt kalt ist. Diese Leistung, die bei Insekten einmalig ist, verbraucht allerdings enorme Mengen am lebenswichtigen Treibstoff „Nektar“. Da die Hummel nur einen begrenzten Vorrat davon im Nest hat, ist sie gezwungen, immer wieder das Nest zu verlassen um Nektar zu sammeln. Nun wird es kritisch. Denn gerade dann, wenn es kalt ist und viel Nektar gebraucht wird, finden die Hummeln kaum Blüten. Außerdem kühlt das Nest aus und das Überleben der Eier ist gefährdet. Hummelfreunde berichteten daher auch in 2005 zur Zeit der Eisheiligen von Staaten, die sich kaum weiter entwickelten oder sogar abstarben.

 

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Autor: Cornel van Bebber | Datum: 20. April 2011 - 22:14 Uhr | Update: 28. März 2014 - 21:48 Uhr | Kommentare: 2

Autor: Cornel van Bebber
Autor und Administrator dieser Seiten seit 1998. Rheinländer, Studium Chemie und Biologie. Entdeckte die Hummeln durch das Hummelbuch von v. Hagen. Mehr zur Entstehungsgeschichte dieser Seite. Google+: Cornel van Bebber
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2 Kommentare

1 2

Pings:

  1. Asoziale Hummeln: Eine Studie – Hummeln | | Link zum Kommentar

    […] manchmal wirklich fehl am Platz. Sie beißen ihre Königin, meutern und werfen sie aus dem Nest (Competition point). Sie sind egoistisch und nicht selbstlos. Und sie klauen. Jawohl, sie klauen und zwar […]


     
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