Leimfalle, ganz ohne Insect Respect

„Insect Respect“: Ein Insektenvernichter will Insekten schützen

Ist Ihnen das auch aufgefallen? 2018 hat eine Welle von urplötzlich bienenfreundlichen Unternehmen hervorgebracht. Bienenschutz ist „in“, die großen Discounter wie Aldi und Lidl machen mit. Aber wem nutzt das mehr? Und wer hat mehr davon: Die Insekten oder die Firma?

Jetzt will mit „Insect Respect“ sogar eine Firma, die Insektenvernichter produziert, gleichzeitig Insekten schützen. Aldi u.a. werben damit.

Die eine Seite: Insektenvernichter

In Bielefeld produziert die Firma Reckhaus mehr als 50 verschiedenen Mittel [1; 6], mit denen sich zuverlässig Insekten töten lassen. Das ist Absicht, denn mit den Utensilien lassen sich ungebetene Gäste wie Fliegen, Schaben, Ameisen oder Mücken aus dem Wohnbereich entfernen. Die Firma wächst. In diesem Jahr verkauft u.a. Aldi-Süd Reckhaus-Produkte, darunter ein – aus Sicht der Insekten – besonderes Produkt: Eine Leimfalle gegen Läuse, Zikaden und andere Insekten (Erst kürzlich hatte ich mich hier mit Leimfallen beschäftigt).

Die andere Seite: „Insect Respect“

Am Beispiel einer solchen Leimfalle gegen Fliegen lässt sich erklären, warum dieses Produkt besonders ist: Seit 2012 vertreibt Reckhaus Produkte mit dem selbst entworfenen Label „Insect Respect“. Es tötet Fliegen, aber die Firma sagt, sie kompensiert jede tote Fliege, indem sie für andere Insekten einen neuen Lebensraum erschafft: „Insect respect“.

Leimfalle, ganz ohne Insect Respect
Fliegen auf einer herkömmlichen Klebefalle, ganz ohne „Insect Respect“.
(Symbolbild. Quelle: Krysanteeminsuonimiinaajakärpänen by Liriomyza huidobrensis via flickr, CC-Lizenz BY 2.0)

Und so geht „Insect Respect“

Die Firma ermittelt, wie viele Insekten durch ihr Produkt sterben. Dabei geht es nicht um die Anzahl der toten Tiere, sondern um ihr Trockengewicht, so dass unterschiedlichste Insekten in die folgende Rechnung mit einfließen. Beauftragte Wissenschaftler rechnen nämlich mit dem Trockengewicht aus, wie viel Fläche die Firma insektenfreundlich anbieten muss, um diesen Tod wieder zu kompensieren. Das Ziel ist also, die gleiche Menge Trockengewicht an lebenden Insekten auf einer neuen Fläche anzusiedeln. Nach der Formel reichen 100 m² für den Insektentod von 70.000 Fliegenfallen [1].

Da 10 Cent pro Packung für das Insektenparadies genutzt werden [2], wandelte die Firma in Bielefeld und eine Niederlassung in der Schweiz die beiden Gebäudedächer der Betriebe in eine insektenfreundliche Wiese um: Insgesamt 700m². Das reicht also für 490.000 Fliegenfallen.

Funktioniert „Insect Respect“?

Fünf Jahre nach dem Anlegen der Wiese ermittelten Entomologen in Bielefeld die Artenzahl. Das Dach beherbergte eine eher geringe Artenzahl (bei Hummeln nur die häufigen Erdhummel, Gartenhummel, Ackerhummel und Wiesenhummel), was die Experten aber nicht verwunderte: Das Flachdach lag in einem Industriegebiet, eingerahmt von einer Autobahn und weit entfernt von anderen „grünen Flächen“ [3]. Ohne die Maßnahme wäre die gleiche Fläche allerdings komplett tot gewesen, weil sich auf dem Dach gar kein höheres Leben entwickeln konnte.

Wer profitiert von „Insect Respect“?

  1. Der Konzern: Auf diese Weise kann er seine Produkte zum Insektentod verkaufen und gleichzeitig zum Insektenschützer werden.
  2. Aldi (und andere Hersteller, die in Lizenz „Insect Respect‘ -Produkte vertreiben): Hier kommt es zum Imagegewinn: Während Aldi die Insektenvernichter verkauft, schreibt der Konzern gleichzeitig in einer Pressemitteilung [5]: „Aldi Süd setzt Zeichen gegen Insektensterben“.
  3. Und die Insekten? Das Insektenparadies wurde im Industriegebiet erschaffen – auf einem Dach, wo vorher definitiv kein einziges Insekt überleben konnte. Jetzt existiert dort ein neuer Lebensraum auf Dauer für Insekten. Andererseits wurden dafür erst einmal viele zehntausend (?) Tiere getötet.

Meine Fragen an die Firma

Ist es richtig, dass die Ausgleichsflächen einmalig angelegt werden und dann jedes Jahr aufs Neue als Kompensationsfläche zur Verfügung stehen? Oder schafft die Firma jedes Jahr eine entsprechende Ausgleichsfläche für die verkauften Produkte, während die alten Flächen bestehen bleiben?

Antwort der Pressestelle:

Die Flächen werden im Vorfeld angelegt. Die Ausgleichsflächen werden angelegt und gemäß ihrer Entwicklung zur Kompensation verwendet. Faktoren wie der Entwicklungsstand der Fläche fließen in diese Berechnung ein, wobei die Flächen mit den Jahren mehr Biomasse kompensieren können und nach einigen Jahren ihr Maximum erreichen.

Weitere Fragen:

2016 wurden die Flächen auf ihre Insektenzusammensetzung hin überprüft. Aus den Angaben geht nicht hervor, ob die Flächen das anvisierte Trockengewicht erreichen konnten. Können Sie dazu Angaben machen?

Wie wird überprüft, ob die Formel die korrekte Flächengröße zur Kompensation ausgibt?

Wie wird gewährleistet, dass der Kunde, der über den Preis die Kompensationsfläche mitfinanziert, im Nachhinein erkennen kann, dass die richtige Flächengröße angelegt wurde?

Antwort der Pressestelle

Insect Respect garantiert Kunden, dass der Ausgleich für sein jeweiliges Produkt bereits vor Kauf des Produkts stattgefunden hat. Der Kunde kauft also ein bereits kompensiertes Produkt – das ist Teil des Insect Respect Leistungsversprechens.

(Dargestellt ist jeweils die Email-Antwort der Pressestelle.)

Meine Bewertung von „Insect Respect“

Manche kritische Stimmen haben schon andere beigetragen, z.B. hier [4]:

Aber im Grunde ist das ganze nur wie der Ablasshandel von der Kirche von anno dazumal. Damals war es nur eine Geldschneiderei der Kirche, damit sich die [Kirche] ihren Säckel füllen und sich die Leute ihr schlechtes Gewissen beruhigen konnten.

 

Schöne neue Welt und Aldi macht alles besser. So laufen Werbekampagnen, ob wir es gut oder schlecht finden…

Ich persönlich finde jede Anstrengung zur Eindämmung von Insektiziden sehr gut.

Da die Leute aber dennoch Insektizide kaufen, kommt man an der Insektenvernichter-Industrie nicht vorbei: Ob wir das gut oder schlecht finden: Es wird Insektenvernichter geben.

Aber man kann die Firmen in die Pflicht nehmen, auch Insektenschutz umzusetzen. In diesem Fall könnte dadurch auch ein Bewusstsein für den Sinn von Insekten entstehen (immerhin geht es in dem Beispiel „nur“ um Fliegenschutz. Fliegen sind nicht gerade Sympathieträger, ihr ökologischer Wert rückt aber durch solche Produkte ins Bewusstsein). Auf lange Sicht könnte das den Verbrauch von Insektiziden verringern. Daneben gibt es jetzt Ausgleichsflächen ausgerechnet da, wo es wenig Grün gibt: im Industriegebiet.

Allerdings profitiert in erster Linie die Firma: Trotz des Verkaufs der Produkte seit etwa sieben Jahren wurde gerade einmal eine einzige Ausgleichsfläche (in D) auf dem Firmendach geschaffen. Weil diese Fläche jedes Jahr aufs Neue angerechnet wird, ist also seit sieben Jahren neben diesem Kleinod kein zusätzlicher Lebensraum entstanden. Die beteiligten Firmen werben dagegen jedes Jahr aufs Neue mit dem Insektenschutzprogramm.

Oder? Was halten Sie von der Idee der Kompensation des Insektentods?

 

Hinweise und Links

Kein Interessenkonflikt: Ich habe zu keiner Zeit eine geschäftliche Beziehung zu irgendeiner der oben genannten Firmen unterhalten und profitiere auch nicht wirtschaftlich von diesem Artikel. Dies ist und bleibt eine private Seite mit meiner persönlichen Meinung.

[1] https://enorm-magazin.de/der-herr-der-fliegen
[2] https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2012/das-gute-leben/mit-erika-fing-alles-an
[3] https://www.insect-respect.org/fileadmin/downloads/Forschung/Insektenuntersuchung-insect-respect-bielefeld-2016.pdf
[4] https://www.topagrar.com/news/Home-top-News-Aldi-Sued-will-Zeichen-gegen-Insektensterben-setzen-9098859.html#respond
[5] https://unternehmen.aldi-sued.de/de/presse/pressemitteilungen/verantwortung/2018/pressemitteilung-insect-respect-aldi-sued-setzt-zeichen-gegen-insektensterben/
[6] Auskunft Pressestelle Firma Reckhaus

Weitere Links

http://www.ardmediathek.de/tv/Quarks/Insect-Respect/WDR-Fernsehen/Video?bcastId=7450356&documentId=44668308

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