Blüte der Silphie

Nur ein Traum? Mit der Hummelpflanze ‚Silphie‘ ökologisch Strom erzeugen

Schon einmal etwas von Energiepflanzen gehört? Ja, dazu gehört der ungeliebte Mais, denn mancherorts steht davon so viel, dass man sich wie in einem gigantischen Maislabyrinth fühlt: Mais bis an den Horizont. Eine Hummelpflanze soll die Vermaisung der Landschaft rückgängig machen: Die Durchwachsene Silphie!

Wer sich eingehender mit der Silphie beschäftigt, wird sich möglicherweise vor Begeisterung gar nicht mehr beruhigen – aber stimmen die Versprechen und Erwartungen?

Lohnt sich die Silphie? Für die Hummel? Für den Landwirt? Für den Stromkunden?

Kurzer Einschub: Was sind Energiepflanzen?

Für unsere Hummeln sind natürlich alle Pflanzen, die ihnen Nektar liefern, Energiepflanzen, doch auch der Mensch nutzt diesen Teil der sogenannten nachwachsenden Rohstoffe als Energiequelle. Die Silphie (und Mais usw.) wird im Herbst gehäckselt und in Biogasanlagen durch Thiobakterien vergoren. Dabei entsteht Methangas, das in Generatoren anschließend zur Stromerzeugung verbrannt wird. Weil dabei deutlich weniger CO2 produziert wird als bei der Verwendung von Erdgas, Öl oder Kohle, handelt es sich um Ökostrom.

Silphie aus Sicht des Landwirts

Der Landwirt freut sich darüber, dass die Silphie anspruchslos ist.

  • Sie verträgt Trockenheit,

    Silphie mit Wasseransammlung in den Blattachseln.
    In den Blattachseln sammelt sich gut sichtbar Wasser. Das trägt dazu bei, dass die Silphie relativ gut Trockenheit verträgt, indem sie das Regenwasser auffängt. Andererseits hat sie auch 3 Meter lange Wurzeln.
  • braucht keine Herbizide und
  • wird auch nicht von Wildschweinen gemocht. Letzteres ist wichtig, weil die wichtigste Energiepflanze, der Mais, gerne von Wildschweinen gefuttert wird.
  • Während Maisfelder den Regen nicht gut halten können und es zur Erosion des wertvollen Ackerbodens kommt, bildet die Silphie 3 Meter lange Wurzeln aus. Sie nimmt dadurch gut den Regen auf und schützt den Boden effektiv vor Erosion.
  • Durch die tiefen Wurzeln wird der Boden belüftet, Regenwürmer fühlen sich wohler, wodurch der Nährstoffgehalt im Boden steigt. Auch solche Effekte sind vom Mais unbekannt.
  • Von Vorteil ist auch, dass die Silphie mehrjährig ist: Die gleiche Pflanze wächst mindestens 15 Jahre lang nach und kann jedes Jahr abgeerntet werden. Der Landwirt hat relativ wenig Arbeit mit ihr.

Aber es gibt auch Nachteile.

  • Leider sind die Kosten immer noch hoch und belaufen sich auf bis zu 2000 Euro pro Hektar bei der Aussaat der Pflanze, wobei nur etwa 80% der Samen keimen.
    Silphie Pflanze klein
    Erst noch grün und kleiner…

    Silphie Pflanze
    …dann schon größer…
  • Im ersten Jahr wirft die Pflanze gar keinen Profit ab, denn erst ab dem zweiten Jahr wächst sie stark. Landwirte umgehen diesen Nachteil, indem sie im ersten Jahr zusätzlich Mais aussäen. Die Silphie wächst dann im Untergrund.
  • Ab dem zweiten Jahr erreicht sie mehr als 3 Meter Höhe und bildet viel Biomasse.

    Silphie-Wald
    und dann mehr als 3 Meter hoch und gelb blühend. Wussten Sie, dass der „Hackl Schorsch“ Georg Hackl sich einen Sichtschutz aus Silphie im Garten angebaut hat? Es funktioniert, wie Sie auf dem Foto sehen.
  • Wesentlicher Nachteil: Die Silphie bringt nicht den gleichen Ertrag, gemessen an der Methangasmenge, wie Mais. Die Silphie erzeugte 2012 nur etwa 65% der Methanausbeute im Vergleich zum Mais. 2017 war der Mais-Vorsprung geschrumpft, aber weiterhin ergab sich für die Silphie immer noch 30% weniger Ertrag (Quelle).

    „Ein Landwirt wird sich immer fragen, mit wie viel Fläche er sein Produktionsziel am schnellsten erreichen kann und da liegt der Silomais immer noch vorne. Klar wirtschaften Bauern danach, wie viel Strom hinten für ihren Motor rauskommt.“
    (Quelle)

Silphie aus Sicht der Hummeln

  • Die Silphie ist mit der Sonnenblume verwandt und bietet Nektar – im Gegensatz zu Mais, der den Hummeln nichts bietet. Bei der Menge scheint es aber so wie bei der Sonnenblume zu sein: Je nach Wasserangebot wird mal weniger, mal mehr Nektar produziert. Während sich der eine Imker über 150kg Honig pro Hektar freut, berichtet ein anderer, dass die Silphie „jetzt nicht der große Nektarbringer“ ist.

    Silphie Blüte mit Nektar tankender Hummel
    Nektar-Tankstelle: Silphie mit Hummel.

Silphie aus Sicht des Stromkunden

Es gibt einen Anbieter, der ein interessantes Konzept verfolgt. Weil die Silphie (und andere Hummelpflanzen erst recht) eben weniger Ertrag bringt, bekommen die Landwirte das „Loch in der Kasse“ finanziell erstattet, müssen sich dafür aber verpflichten, eine insektenfreundliche Saatgutmischung auszubringen.

Untersucht man das Angebot, ist es eigentlich nicht der Anbieter, sondern der Stromkunde, der den Landwirt quasi bezahlt. 1 cent pro Kilowattstunde – was immerhin 4 – 5% des Strompreises ist – wird dabei abgeführt und vorher aufgeschlagen. Der Kunde hat aber die Garantie, dass dafür ein Jahr lang eine Blütenwiese mit Bienen- und Hummelpflanzen, auch der Silphie, angelegt wurde. Pro Person entspricht das je nach Stromverbrauch etwa 200m² Wiese. Bei einem Verbrauch von 1500kWh bei einer Einzelperson investiert der Stromkunde also 15 Euro.

Übrigens hat die Silphie noch weitere Vorteile für uns Menschen, unabhängig von den Hummeln oder dem Strom. Eine Arbeitsgruppe der RWTH Aachen und der Unis Bonn und Düsseldorf forscht an weiteren Nutzungsmöglichkeiten, beispielsweise in der Baubranche und der Pharmazie.

Fazit und Ausblick

Blüte der Silphie
Die Verwandtschaft zwischen Sonnenblume und Silphie ist offensichtlich.

Tatsächlich ist es dadurch möglich geworden, mit Hummelpflanzen Strom zu erzeugen. Der Ansatz scheint aber auch die einzige Möglichkeit zu sein, Landwirte vom Anbau der Silphie zu überzeugen (manche Landkreise fördern den Anbau durch eine Bezuschussung der Anbaukosten, was aber nicht den geringeren Ertrag auffängt).

Landwirte sind eben wegen des geringeren Ertrags nur schwer von der Silphie zu überzeugen (vielleicht kam auch deshalb zu dieser Infoveranstaltung kein einziger Landwirt):

Denn, wie ich schon vor fünf Jahren berichtet hatte, ist die Anbaufläche kaum gestiegen. Hatte die Silphie 2012 einen Anteil von 0,008% unter den Energiepflanzen, waren es 2017 (geschätzt) immer noch nur 0,14% (zum Vergleich: Mais hat heute einen Energiepflanzen-Anteil von 66%, Weizen, deren Körner genutzt werden, von fast 12%).

Beachtet werden muss, dass die Silphie weiterhin eine Wildpflanze ist. Das bedeutet, dass Zucht-Formen wesentlich bessere Ergebnisse liefern könnten.

Züchterische Erfolge hin zu mehr Biomasse-Ertrag hatte ich aber auch schon vor fünf Jahren erhofft, bis 2017 war der große Durchbruch aber nicht erfolgt. Immerhin kann die heutige Silphie ab dem fünften Jahr in etwa so viel Ertrag liefern wie der Mais.

Sollten auch die o.g. Universitäten weitere Nutzungsmöglichkeiten und damit Einnahmequellen ermöglichen, wird der Anbau noch attraktiver und die Vermaisung der Landschaft rückgängig gemacht.

Übrigens: Wenn Sie in der Region Sigmaringen wohnen, können Sie am 10. und 11. August das „Silphien-Blütenfest“ in Hahnennest, Gemeinde Ostrach, besuchen. Nach eigenen Angaben ein wahres Highlight, zu dem im vergangenen Jahr 10.000 Besucher kamen.

Und wer in der Region Düsseldorf wohnt, kann zur Zeit im Botanischen Garten der Uni die blühenden Versuchsflächen der Silphie besichtigen.


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2 comments on “Nur ein Traum? Mit der Hummelpflanze ‚Silphie‘ ökologisch Strom erzeugenKommentar verfassen →

  1. Vielleicht bringt dieser Sommer Ei umdenken
    So klein, und damit wenig Masse, hat der Mais wohl noch nie gehabt. Da könnte eine robuste Staude durchaus trumpfen. Und weniger Dünger und Spritzmittel braucht sie ausserdem.

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