Nektarreiche Sonnenblumen: Bieten Sonnenblumen noch genug Nektar?

Gerade die populären Sonnenblumen sollen keine gute Nahrungsquelle mehr für unsere Hummeln sein. Früher, heißt es, gab es nur nektarreiche Sonnenblumen. Aber heute?

Der Vorwurf an moderne Sonnenblumen-Züchtungen:

Die modernen und durch Zucht optimierten Sonnenblumen-Sorten produzieren keinen Nektar und Pollen mehr.

Der Beleg:

Anfang der 2000er Jahre berichteten Imker, dass der Honigertrag in der Nähe von Sonnenblumenfeldern sehr viel geringer war als früher. Die Bienen hatten an den Sonnenblumen weniger Nektar aufgenommen.

Aber…

… sehen wir nicht jeden Sommer viele Hummeln an den Sonnenblumen, wie sie Nektar sammeln?

Auflösung: Gibt es noch nektarreiche Sonnenblumen oder nicht?

Wissenschaftliche Quellen: Hinweise zum Nektarangebot:

(Die folgenden Angaben beruhen auf der Auswertung diverser wissenschaftlicher, internationaler Quellen und sind belegt!)

1. Imker mit Missverständnis

Eine Studie weist darauf hin, dass die Imker einem Missverständnis aufgesessen sein könnten: Danach hat sich durch die Züchtung gar nichts an der Nektarproduktion geändert, aber die Blüte ist nun länger. So kommen die Bienen einfach nicht mehr gut an den Nektar heran. Daher gibt es dann weniger Honig, obwohl es sich weiterhin um nektarreiche Sonnenblumen handelt.

2. Nektarproduktion: Einfach mehr gießen

Die Nektarproduktion hängt von vielen Faktoren ab, unter anderem von der Lufttemperatur und der Boden- und Luftfeuchtigkeit. Wurde der Boden gegossen, kann die Sonnenblumen auch bei stressigen Bedingungen wie hoher Temperatur so viel Nektar wie an anderen Tagen auch produzieren. Möglicherweise führte also das Klima in den 2000er Jahren zu geringerer Nektarproduktion und zur miserablem Honigernte.

3. Studie: In modernen Züchtungen produzieren Sonnenblumen Nektar!

Eine wichtige Studie dazu wurde 2002 durchgeführt und 2006 publiziert (Zajácz E, 2006: Nectar production of some sunflower hybrids. In: Journal of Apicultural Science, Vol. 50 No. 2, 2006, S. 109 – 113). Die ungarische Studie untersuchte, wie viel Nektar die modernen Züchtungen der Sonnenblume liefern:

Hierzu muss man wissen, dass für die Insekten nicht nur die reine Menge des Nektars wichtig ist, sondern die Zuckerkonzentration. In Deutschland liefern die meisten Pflanzen deutlich weniger als 0,1mg/Blüte pro Stunde an Nektar, auf den Tag gerechnet also klar weniger als 2,4 mg. Borretsch und Natternkopf erreichen als TOP-Nektarspender diesen Wert und unter guten Bedingungen auch etwas mehr.

Vergleichen wir die heutigen Werte zunächst mit historischen von 1963. Damals berichteten Imker nicht von Problemen und die heutigen Züchtungen existierten noch nicht. Die Forscher fanden damals etwa 0,4mg Nektar pro Blüte und Tag, was weit weg von einem Spitzenwert ist, den Honigbienen aber offenbar reicht. Der Zuckergehalt betrug 50%. Natürliche Sonnenblumen (keine Züchtungen) liefern also nur geringe Mengen an Nektar. Die früheren Züchtungen waren also gar keine nektarreiche Sonnenblumen.

Das waren die Blumen von 1963, jetzt 2006: Die Zuchtpflanzen lieferten 0,1 bis 0,2mg pro Blüte und Tag. Dies beweist zunächst einmal, dass überhaupt Nektar produziert wird. Der Wert ist aber nur halb so hoch wie in der Studie von 1963. Bilden die Zuchtpflanzen also doch weniger Nektar? Tja, sicher ist, dass es an den gemessenen Tagen trocken und heiß war. Auch das könnte zu der „halben Produktion“ geführt haben. Zumindest ist das kein Beleg, dass es nicht doch nektarreiche Sonnenblumen sind.

4. Selbst Landwirtschaftsministerium findet viel Nektar bei der Sonnenblume

In einer 2014 erschienen Broschüre des Bundesministeriums für Landwirtschaft wird die Sonnenblume herausgestellt und erhält jeweils „drei von vier Sternen“ was das Pollen- und Nektarangebot angeht.

Nektarreiche Sonnenblumen: Hummeln sammeln Nektar, keinen Pollen.
Zwei Erdhummeln sammeln Nektar, denn keine von beiden hat sog. Pollenhöschen, also Ansammlungen von Blütenstaub an den Hinterbeinen. Auch gut zu erkennen: Die Sonnenblume hat eine sog. vormännliche Blüte: Die Blüte besteht aus zahlreichen Einzelblüten, nur die äußersten haben die gelben Blütenblätter. Die Blüten blühen von außen nach innen auf, zuerst ein Ring Blüten (vormännlich), der männliche Keimzellen präsentiert, erkennbar an den herausragenden Staubbeuteln, dahinter ein Ring von Blüten, die keine Staubbeutel zeigen, sondern nun in der weiblichen Phase sind. Hier werden Eizellen bestäubt. In beiden Phasen wird Nektar angeboten.

 

Wissenschaftliche Quellen: Hinweise zum Pollenangebot

  • In einer Studie von 1986 (Fell RD, 1986) sammelten die meisten Bienen und Hummeln nur Nektar. Auch in den Zeiten, zu denen die Sonnenblume sehr viel Pollen zur Verfügung stellte, sammelte weiterhin etwa jedes zweite Tier nur Nektar. Eine Studie aus dem Jahr 2013 (Nicolson SW, Human H, 2013) erklärt auch, warum das so ist: Der Pollen ist minderwertig. Blütenstaub der Sonnenblume enthält so wenige Proteine, dass er für eine natürliche Entwicklung nicht ausreicht. Auch das dürfte entscheidend für die schlechte Honigernte der Imker gewesen sein, die Autoren schreiben:

„While sunflower offers abundant and accessible pollen, its quality may hinder bee development when it is an exclusive pollen source…“

(Obwohl die Sonnenblume reichlich nutzbaren Pollen liefert, behindert seine Qualität die Entwicklung der Bienen, wenn er als einzige Pollen-Quelle dient…)

Nicht-wissenschaftliche Quellen:

  • Viele Seiten im Internet schreiben, dass die heutigen Sonnenblumen nektararm sind – allerdings bietet keine einzige (!) einen Beleg dafür an.
  • Als Folge derartiger Berichte wurden aber sogar Aktionen zur Verbreitung nektarreicher Sonnenblumen gestartet:
    So säte der Imker Günter Friedmann 2011 bis 2013 Saatgut aus Kasachstan aus. Diese Pflanzen sollten mehr Nektar liefern. Leider gibt es keine Informationen, was aus dem Projekt geworden ist. Auf Nachfrage schreibt er lediglich:

„Mein Projekt war, in meinen Augen sehr erfolgreich. Es gibt immer noch viele Nachfragen und Aufmerksamkeit. Ich konnte einige Tausend Kilo Samen verteilen, freies Saatgut und allerhand Bewußtseinsbildung treiben.
Leider habe ich aktuell auch kein Saatgut und keine Ahnung, wo es was geben könnte. „

  • Auch das Netzwerk „Blühende Landschaft“ führte 2011 und 2012 ein solches Projekt durch, wobei Saatgut an Versuchsteilnehmer verteilt wurde. Auch hier gibt es keine Ergebnisse. Entschieden wurde aber, das Projekt nicht weiter fortzuführen.

Mein Fazit zur Frage: Bieten Sonnenblumen-Züchtungen Nektar?

  1. Sonnenblumen, auch heutige Sorten, produzieren Nektar. Gegenteilige Behauptungen sind falsch.
  2. Die Nektarmenge könnte aber deutlich geringer als früher sein. Da die Nektarproduktion aber stark von den Wachstumsbedingungen abhängig ist, ist nach meinen Recherchen bisher weder bewiesen noch widerlegt worden, ob die Zucht-Exemplare weniger Nektar bieten. Regelmäßiges Gießen lässt die Nektarproduktion ansteigen. Da moderne Züchtungen aber ganz sicher Nektar liefern, bleibt sie für mich eine Trachtpflanze. Die Bewertung habe ich aber wegen der unklaren Lage etwas reduziert.
  3. Die Sonnenblume ist aber keine gute Pollentrachtpflanze – egal, wie viel Blütenstaub sie liefert, weil der Blütenstaub minderwertig ist und von den Hummeln nur wenig gesammelt wird. Auch das floss in meine Bewertung der Sonnenblume als Trachtpflanze ein. Interessant: Züchtungen, die besonders viel Pollen liefern und als dadurch als besonders gut für Bienen und Hummeln angepriesen werden, sind also überflüssig (hier musste ich selber dazu lernen…).

Mein eigener Test:

Ich habe mir Saatgut aus Ungarn und Russland über das Internet über einen Shop in Bonn bestellt. Es soll sich um nektarreiche Sonnenblumen handeln. Das teste ich.

Möchte jemand mitmachen? Ich gebe gerne Bezugsquellen auf Nachfrage weiter.

Literatur

  • Fell RD, 1986: Foraging Behaviors of Apis mellifera L. and Bombus spp. on Oilseed Sunflower (Helianthus annuus L.). In: Journal of the Kansas Entomological Society Vol. 59, No. 1 (Jan., 1986), pp. 72-81)
  • Nicolson SW, Human H, 2013: Chemical composition of the ‘low quality’ pollen of sunflower (Helianthus annuus, Asteraceae. In: Apidologie (2013) 44:144 – 152)
 
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