Traurig: Gift gegen Hummeln zugelassen

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, das dem Landwirtschaftsministerium von Julia Klöckner untersteht, hat durch eine Notfallzulassung erneut ein Gift für Hummeln, das Neonicotinoid „Carnadine“ zugelassen.

UPDATE 23.04.2019: Das o.g. Bundesamt hat jetzt per Notfallzulassung ein weiteres Insektizid aus der Gruppe der Neonikotinoide zugelassen. Es handelt sich um den Wirkstoff Acetamiprid.

Neonicotinoide sind Insektengifte, die verheerende Auswirkungen auf Hummeln und andere Insekten haben (hier eine Zusammenfassung zu Neonikotinoiden). Noch ein Jahr vorher, am 20.04.2018 hatte die Ministerin sich auch auf Gifte im Bundestag bezogen:

„Ich möchte den Blick auf die EFSA, die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, lenken. Sie kommt zu dem Schluss, dass die drei Wirkstoffe aus der Gruppen der Neonikotinoide für Bienen und andere Bestäuber ein unvertretbares Risiko darstellen.

Ich habe es hier an dieser Stellen (sic!) bei meiner Regierungserklärung gesagt: Bienen sind systemrelevant. Was der Biene schadet muss vom Markt!“

(Die Rede nachlesen…)

18 weitere Insektengifte alleine in diesem Jahr schon erlaubt

Davon scheint aber längst keine Rede mehr zu sein. Denn auch zuvor hatte das Bundesamt 18 weitere Insektengifte für dieses Jahr erlaubt, bei denen das Umweltbundesamt von erheblichen negativen Auswirkungen insbesondere für Insekten ausgeht.

Tote Hummel
Tote Hummel. Ein Wahnsinn, dass immer noch entgegen aller wissenschaftlichen Erkenntnisse Neonikotinoide erlaubt werden, oder?

Toll: Saatgut darf nicht mehr mit Gift behandelt werden!
Bitter: Jetzt darf man das Gift einfach spritzen!

Zur Auseinandersetzung empfehle ich einen Kommentar in der Frankfurter Rundschau und auf topAgrar.

Pikant, finde ich, sind die Umstände für die Zulassung: Das jetzt erlaubte Mittel wird bei Zuckerrüben eingesetzt. Denn seit diesem Jahr ist die Behandlung des Zuckerrüben-Saatguts mit bestimmten Neonikotinoiden verboten. Klöckner hat jetzt aber kurzerhand erlaubt, dass der Landwirt stattdessen die Neonikotinoide auf die ganze Pflanze spritzen darf. Bitter.

EU-Kommission: Das eine Mittel hat sie verboten, das andere will sie wieder zulassen

Umstrittene Nachrichten kommen dagegen von der EU. Die gute Nachricht: Die EU-Kommission hat das Fungizid Chlorothalonil verboten. Es ist seit 50 Jahren auf dem Markt, in den USA und England das am meisten verwendete Anti-Pilz-Mittel (Quelle), doch hat im Dezember eine Studie bewiesen, dass es besonders auf Hummeln sehr negativ wirkt. Es schädigt das Erbgut. Die schlechte Nachricht: Thiacloprid, ein bis 2020 verbotenes in vielen Mitteln vorkommendes Neonikotinoid, bei denen einige Mittel durch die EU verboten sind, sollen offenbar ab dann wieder zugelassen werden.

Auch Ersatz-Insektizide tödlich

Wie Studien zeigen, sind die Ersatz-Gifte, die Landwirte nach dem Verbot einzelner Neonikotinoide einsetzen, ebenfalls gefährlich. Das zeigten Forscher an Sulfoxaflor, denn hier ging bei Hummeln prompt die Nachkommenzahl um 54% zurück (Zur Sulfoxaflor-Studie).

Eine amerikanische Studie konnte dies jetzt untermauern. Auch das Ersatz-Insektizid „Flupyradifuron“ (FPF) hat einen katastrophalen Einfluss auf Honigbienen, wenn die Bauern es mit dem sehr häufig eingesetzten Fungizid „Propiconazol“ kombinieren.

FPF funktioniert ähnlich wie Neonicotinoide, soll aber „bienenfreundlich“ sein.

Die beobachteten Bienen hatten nach dem Gift-Einsatz Koordinierungsschwierigkeiten, waren hyperaktiv und die Überlebensquote sank.

Stoppt endlich den Gift-Wahnsinn

Der Einsatz von Propiconazol ist in Deutschland noch mind. bis Ende des Jahres erlaubt, FPF dürfen Landwirte mind. in den nächsten sechs Jahren EU-weit verspritzen.

In der Schweiz fand die Uni Neuenburg selbst auf Bio-Flächen Neonikotinoide im Boden. Andere konventionelle Landwirte hatten so viel Gift ausgebracht, dass es bis zum Bio-Hof von nebenan driftete.

Mensch, stoppt endlich diesen Gift-Wahnsinn!

Literatur

  • Tosi S, Nieh JC, 2019: Lethal and sublethal synergistic effects of a new systemic pesticide, flupyradifurone (Sivanto®), on honeybees, 2019. In: 2019, Vol. 286, 1900, https://doi.org/10.1098/rspb.2019.0433
  • Humann‐Guilleminot S, Binkowski LJ, Jenni L, Hilke G, Glauser G, Helfenstein F, 2019: A nation‐wide survey of neonicotinoid insecticides in agricultural land with implications for agri‐environment schemes. In: Journal of applied ecology, 2019, https://doi.org/10.1111/1365-2664.13392

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25 comments on “Traurig: Gift gegen Hummeln zugelassenKommentar verfassen →

  1. Es hat sich auch in anderem Zusammenhang schon gezeigt, das Min. Glöckner für ihr Amt eine falsche Besetzung ist. Sie agiert situationsbedingt und hat keine langfristigen Maßstäbe.
    JU

  2. Frau Klöckner wird in ihrem Ministerium wahrscheinlich schon lange als „das blonde Gift“ bezeichnet.
    Vielleicht sollten die Hummelfreunde sich mit den Bienenfreunden in Bayern verbünden. Schließlich ist der Saulus Markus nach Protesten immehin schon zum Paulus Markus Söder mutiert. Er kann seine Parteifreundin Klöckner sicher zu einer besseren Einsicht bewegen.

  3. Da tut sich in letzter Zeit endlich etwas für die Hummeln und jeder Hummelfreund freut sich darüber.
    Und dann haben wir eine Landwirtschaftsministerin, die sich selbst widerspricht, das ist wirklich traurig.

  4. Das Neonic Thiacloprid ist NICHT bis 2020 verboten. Aktuell sind die Produkte Biscaya und Calypso in DE zugelassen (bis 20/21).
    Acetamiprid und Thiacloprid sind eine eigene Untergruppe der Neonics und gelten aufgrund ihrer weit geringeren Bienentoxizität (auf Basis LD50/48hrs) und ihre schnelle Abbaugeschwindigkeit als weniger riskant als die anderen jetzt bereits verbotenen Neonics Imidacloprid, Thiamethoxam und Chlothianidin.
    Mit dieser Feststellung sage ich nicht, dass die noch zugelassenen Neonics keine Risiken für (Wild-)Bienen haben, sondern will nur aufzeigen, warauf sich anscheinend die Entscheidungsträger beziehen, wenn sie Zulassungen an einer Stelle entziehen und an anderer nicht.
    In jedem Fall ist jedoch der Punkt zur Zulassungssituation von Thiacloprid nicht korrekt recherchiert (vgl. BVL Online-Datenbank für PSM).

  5. Erst sterben die Insekten, dann die Vögel, die Tiere und auch der Mensch. Wir müssen nur solange durchhalten, bis die künstliche Intelligenz übernommen hat.
    Sie brauchen weder Natur noch Essen, sondern nur die Rohstoffe aus der Erde.

    1. Ganz genau, am Ende werden wir vergiftet, wir verhungern (zu viele Menschen) oder gemäss dem Physiker Stephen Hawking wird unser Planet verglühen. Da nützen den Reichen und Mächtigen weder ein Wasser- noch ein Sauerstoffvorrat, noch ein Bunker etwas. Sehr schade für dieses ehemalige Paradies! Mir tun alle Mitbewohner leid.

  6. Welchen Sinn hat es noch, dass man bienenfreundlich gärtnert, Bienenhotels baut und Blühwiesen anlegt, wenn die Politik unsere Bemühungen zunichte macht?
    Stoppt das Morden unserer Insektenwelt!

  7. Gerade im Radio (SWR4) gehört: die BRD will eine Studie durchführen, um zu ermitteln, warum die Insekten drastisch abnehmen (auch in Naturschutzgebieten). Einfach paradox: Einerseits Gift zulassen, andererseits das Insektensterben durch eine sehr wahrscheinlich seeeehr teure Studie dokumentieren. Wo leben wir eigentlich, wo bleibt der gesunde Menschenverstand?

  8. Die Verantwortlichen soll der Teufel holen. Sie haben ihn gerufen!
    Ohne Insekten, dass weiß man inzwischen, geht’s uns allen an den Kragen…

  9. Das ist doch nicht ihr scheiss Ernst! Wir rasen sowieso schon auf den Abgrund zu und nun werden noch mehr Gifte zugelassen. Was geht nur in deren Köpfen vor!

  10. Ich finde, man sollte diese an falscher Stelle eingesetzten politisch nicht funktionierenden Individuen schnellstens gehen lassen müssen.Damit diese Fetternwirtschaft erblich in der Politik ein Ende hat.

  11. Wozu überhaupt solche Gifte in die Luft sprühen oder in die Erde früher ist man auch ohne solche Dinge aus gekommen mag sein dass dann das Obst oder das Gemüse nicht so schön aussieht aber es schmeckt trotzdem und man kann es essen man sollte sich wieder mehr auf das Wesentliche konzentrieren nicht nur auf die Optik sondern was es ist und dass es ohne solche Gifte auch viel besser schmeckt und zu denen Politikern sage ich lieber nichts da ist jedes Wort Verschwendung

  12. Danke für die Info. Ich habe an unserer Mauer am Eingang ein Hummel-Haus – das wird versorgt von unseren Rosen und Lavendel.. leider scheint das nicht auszureichen. Seit ca. 10 Tagen sind auffällig viele Hummeln, völlig orientierungslos – laufen auf die stark befahrene Straße oder liegen einfach tot im Eingangsbereich. Ich vermute – ebenfalls ein Gift im Umfeld. Was kann ich tun? … natürlich sind wir nur noch wenige in der Straße, die noch einen blühenden Vorgarten haben … und die Stadt hat seinen Blühgarten/Blumengarten angelegt… aber das scheint mir doch ein Tropfen auf den heißen Stein zu sein. Sie beschreiben ja die Widersprüche in unserer Gesellschaft.

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